Die Farbe des Protests im Iran ist Grün. - © EPA
Die Farbe des Protests im Iran ist Grün. - © EPA

Firouz M.*, einer der Mitorganisatoren der Massendemonstrationen nach den iranischen Präsidentschaftswahlen 2009, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

"Wiener Zeitung":Vor fast drei Jahren erlebte der Iran eine Welle des Protests nach der umstrittenen Wiederwahl von Präsident Mahmoud Ahmadinejad. Doch in den vergangenen Monaten hat man nichts mehr gehört. Hat die grüne Oppositionsbewegung resigniert?

Firouz M: Wir können leider nicht mehr entschlossen auftreten. Das hat mehrere Gründe. Zum einen sind mit der Verbannung der beiden führenden Oppositionsköpfe Mehdi Karroubi und Mirhossein Moussavi in den Hausarrest die Zugpferde abhanden gekommen. Zum anderen dürfen Sie nicht vergessen, dass die Menschen derzeit zu sehr damit beschäftigt sind, wie sie über die Runden kommen, als dass sie die Kraft und Energie hätten, sich auf dünnes Eis zu begeben und öffentlich zu rebellieren. Was derzeit bleibt, sind der innere Frust und das Abwarten.

Was sind die Hauptsorgen der Menschen?

Eigentlich nur das nackte Überleben. Da interessiert die Politik gar nicht. Es stehen eher Fragen wie: "Wann kann ich wieder einmal Fleisch essen?", "Wie bezahle ich meine Rechnungen?" oder "Von wem kann ich mir noch Geld ausborgen?" im Vordergrund.

Hat die iranische Führung die Opposition erfolgreich mundtot gemacht?

Wir behalten unsere Wut derzeit für uns. Das hat aber mehr taktische Gründe. Wir haben durch die Ereignisse 2009 in unserem Land den Weg für den sogenannten Arabischen Frühling geebnet. Erst durch unseren Mut haben andere Brüder in Tunesien, Ägypten, Bahrain, im Jemen und anderenorts es gewagt, aufzustehen und gegen die Missstände der Führung zu rebellieren. Bedauerlich ist nur, dass wir zwar den Weg eingeschlagen, aber nicht das Ziel erreicht haben.

Am Freitag finden im Iran Parlamentsstichwahlen statt. Bei der ersten Runde gab es kaum Proteste. Planen Sie diesmal irgendwelche Aktionen?

Natürlich wird es an mehreren Orten kleinere Zeichen des Protests geben. Für Massendemonstrationen bedürfte es einer Eigendynamik, die derzeit nicht gegeben ist. Außerdem sind viele unserer führenden Mitstreiter in Gefängnissen. Das rigorose Vorgehen der Sittenwächter und Revolutionsgarden hat zur Folge, dass sich viele nicht mehr so weit aus dem Fenster lehnen wollen und den richtigen Zeitpunkt abwarten. Denken Sie aber bitte nicht, dass wir resigniert haben. Wir sind nur vorübergehend in Deckung.

Wie organisieren Sie sich?

Die Zensurbehörde macht unsere Arbeit sehr schwer. Das Internet wird ständig verlangsamt. Wir bekommen Droh-SMS und werden aufgefordert, im Interesse unserer eigenen Sicherheit keine Blödheiten zu machen. Die Satellitenschüsseln, mit deren Hilfe wir an internationale Informationen kommen, werden immer wieder abmontiert. Da muss man schon kreativ sein und mithilfe der Filterbrecher arbeiten, um sich im Internet austauschen zu können.

Die Präsidentschaftswahlen hat die Opposition ja nicht anerkannt, wie sieht es mit den Parlamentswahlen aus?

Jeder vernünftige Mensch weiß, dass diese Urnengänge eine einzige Farce sind. Es fängt ja schon einmal damit an, dass es bei Wahlen im Iran immer eine Vorauswahl vor der Wahl durch den Wächterrat gibt. Dieses Instrument bietet der Führung - wie übrigens auch diesmal - die Möglichkeit, unliebsame Kandidaten schon im Vorfeld zu eliminieren.

Dann ist da noch die Sache mit der angeblichen Wahlbeteiligung von etwa 65 Prozent. Ich war am Wahltag im März sehr viel in Teheran unterwegs, und glauben Sie mir: Von mehr als 500 Menschen, die ich an jenem Freitag gesehen habe, sind nicht einmal 10 Prozent zur Urne gegangen. Glauben Sie bitte nicht alles, was die Führung verbreitet.

Haben Sie manchmal Angst?

Nein, denn wir haben schon so viel verloren. Uns wird jeder Zugang zur Demokratie genommen, aber unser Willen und unser Denken gehören nur uns allein.

* Der richtige Name ist der Redaktion bekannt, wird aber aus Sicherheitsgründen nicht genannt.