Moskau/Berlin/Paris. Freundschaftliche Gesten sind nicht zu erwarten, wenn Russlands Präsident Wladimir Putin heute, Freitag, zu seinen Antrittsbesuchen in Berlin und Paris eintrifft. Zu groß sind persönliche Differenzen - insbesondere mit Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel. Und bei der Beurteilung des Konfliktes in Syrien trennt Putin Welten von den Sichtweisen Merkels und des französischen Präsidenten François Hollande.

Noch immer hält Russland seine schützende Hand über den syrischen Machthaber Bashar al-Assad, während Deutschland, die EU-Partner und die USA als Reaktion auf das Massaker von Houla mit mehr als 100 Toten vorigen Freitag die syrischen Botschafter ausgewiesen haben. "Eine Katastrophe" sei die Lage in Syrien, sagte Merkel. Man wolle daher das Treffen nutzen, um für mehr internationalen Druck auf Syrien zu werben, so der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert.

Auch Frankreichs Staatschef hat angekündigt, er werde versuchen, die Russen zu überzeugen, dass sie eine Militärintervention gegen das Regime in Damaskus nicht mit einem Veto im UNO-Sicherheitsrat blockieren. Prompt verkündete Putin über seinen Sprecher, Russland werde seine Position nicht ändern: "Wir handeln ohne Emotionen und beugen uns nicht irgendeinem Druck."

Nicht nur beim Thema Syrien sind die Fronten verhärtet: Hinzu kommt der Streit um den auf dem Nato-Gipfel im Mai in Chicago beschlossenen Aufbau eines Raketenabwehrsystems, das Russland als Bedrohung ansieht. Und in deutschen Regierungskreisen hieß es schon im Vorfeld von Putins Besuch, die EU werde beim Thema der von Moskau vehement geforderten Visa-Abschaffung keinen Durchbruch anbieten.

Bereits die Reiseplanung Putins zeigt, welche Akzente er zu Beginn seiner dritten Präsidentschaft setzt. Erst besucht der Kreml-Chef den international geächteten weißrussischen Machthaber Alexander Lukaschenko. Berlin und Paris müssen sich mit Stippvisiten zufriedengeben, Treffen mit EU-Vertretern in Brüssel stehen gar nicht auf Putins Reiseplan. "Es ist völlig klar, dass Putin in dieser Amtszeit noch stärker auf bilaterale als auf multilaterale Beziehungen setzen will", deutet dies Andreas Schockenhoff, CDU-Regierungskoordinator für die Beziehungen der deutsch-russischen Zivilgesellschaften.

Partner wider Willen

"Gerade weil Putin denkt, dass die EU und der verschuldete Westen in einer Krise stecken, will er Deutschland eine privilegierte Partnerschaft anbieten", sagt der CDU-Politiker voraus. Denn Russland benötigt einen Partner für die Modernisierung der Wirtschaft; und ungeachtet der Euro-Krise florieren die Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland.

Gleichzeitig merke Putin, dass die USA Russland nicht mehr auf Augenhöhe wahrnähmen, meint Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Putin könne daher nicht den offenen Bruch mit Berlin und Paris riskieren. Obwohl Moskau die Beziehungen zu China verstärke, käme eine Hinwendung des Landes Richtung Asien nicht infrage, glaubt Rahr - der kulturelle Kompass Russlands sei nicht gen Ost ausgerichtet.