Kairo. Wenige Tage vor der am kommenden Samstag und Sonntag stattfindenden Präsidenten-Stichwahl in Ägypten eskaliert der Streit zwischen Islamisten und säkularen Kräften. Nach Medienberichten vom Montag ist der von beiden Lagern in der Vorwoche unter dem Druck des Militärs erzielte Konsens über die Zusammensetzung der Verfassungsversammlung geplatzt. Die Liberalen werfen den Islamisten vor, sie würden versuchen, mit der Nominierung von Islamisten aus der Zivilgesellschaft eine Dominanz der Scharia-Befürworter in dem mit der Ausarbeitung der neuen Verfassung betrauten Gremium durchzusetzen.

Die Militärmachthaber hatten in der Vorwoche der islamistischen Parlamentsmehrheit ihren Willen aufgezwungen und durchgesetzt, dass die Konstituante der Vorherrschaft der politischen Parteien entzogen werden soll. Der Chef des regierenden Obersten Militärrates, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, hatte sich mit Vertretern von 22 Parteien darauf geeinigt, dass die im Parlament dominierenden Islamisten die Hälfte der insgesamt hundert Sitze in der Versammlung erhalten sollen. Nach Angaben des liberalen Abgeordneten Emad Gad versuchten die Muslimbruderschaft und die Salafisten, diese 50 Sitze für sich zu beanspruchen, und zusätzlich Vertreter anderer islamistischer Parteien einzubeziehen.

Wenn die Muslimbruderschaft und die Salafisten (die zusammen 70 Prozent der Parlamentsmandate haben) 50 Sitze in der Versammlung für sich selbst beanspruchen und 21 Sitze an Regierungsinstitutionen gehen, würden nur elf Sitze an die übrigen im Parlament vertretenen Parteien gehen und 18 an "den Rest von Ägypten", sagte Gad.

Die Muslimbrüder mobilisieren ihre Anhänger gegen den vom Militär favorisierten Präsidentschaftskandidaten Ahmed Shafik, der gegen den Kandidaten der Muslimbrüderschaft Mohammed Mursi antritt. Ex-General Shafik, Mubaraks letzter Premierminister, ein ehemaliger Luftwaffenchef und Luftfahrtminister, repräsentiert in den Augen der Islamisten und der Revolutionsjugend das alte Unrechtsregime. Ein Urteil darüber, ob seine Kandidatur rechtmäßig ist, steht noch aus. Das Parlament hatte ein Gesetz verabschiedet, das Spitzenfunktionäre des alten Regimes zehn Jahre lang vom politischen Leben ausschließt. Shafik hatte in der ersten Runde der Präsidentenwahl 23,9 Prozent der Stimmen bekommen, Mursi 24,8 Prozent.

Politische Beobachter in Kairo glauben, dass die Militärführung auf die Ausarbeitung der neuen Verfassung Einfluss nehmen wird, um die Kompetenzen des künftigen Präsidenten je nach Ausgang der Wahl festzulegen: ein institutionell starker Staatschef, sollte Shafik gewinnen, und ein möglichst schwacher für den Fall eines Sieges von Mursi.