Delhi/London. An sich gelten Indien und Pakistan als lebhafte Länder, die niemals schlafen: Der Lärm der Fahrzeuge mit ihrem Gestank und Gehupe verstummt in den Städten auch nachts ebenso wenig wie das Stimmengewirr der ethnisch gemischten Bevölkerung. Mit einer Ausnahme: wenn Indien gegen Pakistan Cricket spielt. Dann, so berichten Beobachter, ist alles still, dann könnte man Blätter fallen hören. Die gemeinsame Lieblingssportart verbindet die beiden Erzfeinde trotz aller politischen Gräben.

Allein: Der Cricket-Klassiker Indien-Pakistan hatte in den vergangenen Jahren Seltenheitswert. Seit 2008 trafen die beiden Nationalteams nur in internationalen Bewerben wie der Weltmeisterschaft aufeinander. Direkte Duelle gab es keine - der Grund: die Terroranschläge Ende November 2008 in der indischen Metropole Mumbai, bei denen 174 Menschen ums Leben kamen. Indien beschuldigt Pakistan bis heute, über seinen berüchtigten Geheimdienst ISI, der bereits das Aufkommen der Taliban in Afghanistan wesentlich begünstigte, die Attentate mit vorbereitet zu haben - und legte die Cricket-Duelle mit Pakistan auf Eis. Diese bald vierjährige Pause hat nun ein Ende: Der indische Cricket-Verband hat den Erzrivalen Pakistan wieder für Duelle nach Indien eingeladen. Im Dezember sollen die ersten Spiele stattfinden. "Diese Entscheidung ist großartig, wir begrüßen sie", sagt dazu der Chef des pakistanischen Cricket-Verbandes, Zaka Aschraf. Die Wünsche von Millionen Cricket-Fans würden in Erfüllung gehen. Und die pakistanische und indische Presse kommentieren den Schritt als ein deutliches Zeichen der Entspannung im schwierigen Verhältnis der beiden Länder.

Riskante Annäherung

Eine Entspannung, die freilich bereits im Gang war: Christian Wagner, Leiter der Forschungsgruppe Asien in der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik, erinnert im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" daran, dass bereits seit rund einem Jahr ein vorsichtiger Annäherungsprozess der beiden Atommächte im Gang ist. Die Cricket-Initiative passt hier ins Bild - als ein weiterer Schritt zur Normalisierung der Beziehungen.

"Der Schritt ist natürlich positiv, aber er birgt auch einige Risiken", sagt Wagner. Schließlich habe etwa in Pakistan vor rund zwei Jahren ein Anschlag auf das Cricket-Team Sri Lankas stattgefunden. Sollte einem Team der beiden Erzfeinde etwas zustoßen, mag er sich nicht ausdenken, welche politischen Folgen das haben könnte. Das indische Team verzichtet jedenfalls noch auf Reisen nach Pakistan und gibt als Grund dafür die Sicherheitslage in dem instabilen Millionenstaat an.

Bereits in der Vergangenheit eignete sich der Sport gut als Türöffner bei politischen Schwierigkeiten: In den 1970ern halfen die Tischtennisspieler der USA und der kommunistischen Volksrepublik China, die totale Funkstille zwischen den beiden Ländern zu überwinden - der Begriff "Ping-Pong-Diplomatie" war geboren. China selbst schenkt mit Vorliebe sein Nationalsymbol, den Pandabären, her. Auch Österreich versuchte 1983 unter Kanzler Bruno Kreisky, die angeschlagenen Beziehungen zum konservativen US-Präsidenten Ronald Reagan mit einer Goodwill-Aktion zu verbessern: "Maestoso Blanca" hieß jener Lipizzanerhengst, der dem Republikaner geschenkt wurde. Der Erfolg der Aktion war überschaubar - der US-Vorwurf, Österreich leite westliche Technik in den Osten weiter, blieb bestehen.

Auch in Indien jubeln nicht alle: In Mumbai, dem Ort der Anschläge, äußerten sich Regierung und Opposition kritisch. Pakistan sei ein Mittäter der Anschläge von 2008. "Wie können wir sportliche Beziehungen mit ihnen pflegen?", so ein Lokalpolitiker.