Muslime, Christen und Drusen leben seit Jahrhunderten in Syrien. Fast drei Viertel der Bevölkerung sind Sunniten, während Machthaber Bashar al-Assad den Alawiten angehört - einer gnostischen Sekte des Islam, die fälschlich oft den Schiiten zugerechnet wird. Die Alawiten stellen nur rund zwölf Prozent der Einwohner, aber weite Teile der militärischen Führung. Auch Christen sind im Offizierskorps überrepräsentiert.

"Wiener Zeitung:" Wie groß ist die Gefahr eines konfessionellen Bürgerkrieges, falls Assad gestürzt wird?

Rüdiger Lohlker: Je länger sich Assad an der Macht hält, desto größer ist die Gefahr.

Wieso steigt die Gefahr?

Assad spielt gezielt die konfessionelle Karte. Er und die Staatsmedien behaupten, die Aufständischen sind Terroristen. Damit implizieren sie eine sunnitische Gefahr nach dem Muster Al-Kaidas. Sich selbst präsentiert Assad als Gegenstück, als Stabilitätsfaktor gegen den Terrorismus, der die Minderheiten schützt.

Warum spielt Assad überhaupt die antisunnitische Karte, wenn 72 Prozent der Syrer Sunniten sind?

Um die eigenen Reihen zu schließen. Außerdem besteht Syriens Elite nicht nur aus Alawiten; deshalb beschwört Assad auch gegenüber den sunnitischen Führungskräften des Landes die sunnitische Gefahr.

Kann diese Strategie aufgehen?

Momentan herrscht verdächtige Stille unter den sunnitischen Eliten. Ich deute das als Absetzbewegung von Assad.

Wie war das Verhältnis der Religionsgemeinschaften vor Ausbruch der Proteste?

Syrien hatte immer eine interkonfessionelle Toleranz. Die Protestbewegung hat in ihre Argumentation anfangs alle Religionsgemeinschaften eingeschlossen. Mittlerweile werden aber gezielt Anschläge auf Alawiten und Christen verübt.

Kann der rigide Wahhabismus Saudi-Arabiens, das Waffen an die Opposition liefert, in Syrien Fuß fassen?

Vermutlich fällt er auf wenig fruchtbaren Boden. Wichtig wäre, dass der Westen nicht religiöse Gegensätze verstärkt - wie es im Irak nach 2003 geschehen ist.

Sie forschen zu jihadistischen Webseiten. Welchen Raum nimmt der Syrien-Konflikt im Internet ein?

Webseiten von Islamisten spielen hier nur eine untergeordnete Rolle, wichtig ist insbesondere die Mobilisierung über Facebook. Dort gefällt die Gruppe "The Syrian Revolution 2011" über 550.000 Personen. Facebook-Gruppen mit jihadistischen Parolen kommen dagegen nur auf rund 1000 Unterstützer.

Warum muss Assad aus Sicht der Online-Jihadisten gestürzt werden?

Sie spiegeln Assads Argumentation und zielen auf die konfessionelle Spaltung. Ihnen zufolge müsse die "alawitische Diktatur zerstört" werden.

Zur Person

Rüdiger
Lohlker

ist Professor für Orientalistik an der Universität Wien. Er leitet ein Forschungsprojekt über Jihadismus im Internet.