New York. Als Mark Potok erfuhr, was sich am Sonntag in Oak Creek zugetragen hatte, war er nicht im Geringsten überrascht. Wade Page, der Mann, der dort in einen Sikh-Tempel gestürmt war und sechs Menschen wahllos nieder geschossen hatte, war Potok bestens bekannt. "Wir hatten ihn schon seit zehn Jahren auf dem Radar", sagt der Vorstand des "Southern Poverty Law Center" (SPLC), einer gemeinnützigen Organisation, die rassistische und rechtsextreme Gruppen in den USA überwacht.

Page hatte dem Southern Poverty Law Center die Überwachung allerdings auch nicht besonders schwer gemacht. Auf Neo-Nazi-Foren wie Storm Front und Hammerskin war er regelmäßig präsent und wiegelte zu Hass und Gewalt gegen Afro-Amerikaner und Homosexuelle auf. Und als Mitglied gleich mehrerer Skinhead-Bands wie End Apathy und den Blue Eyed Devils schrie er für jedermann mit Internetanschluss hörbar unmissverständliche Texte in das Mikrofon. "Ich werde für meine Rasse und meine Nation kämpfen. Sieg Heil", war etwa der Text des Liedes "White Victory", das auf der Internetseite seiner Plattenfirma Label56 stand, bis es am Montag flugs vom Server genommen wurde. In dem Stück "Beating and Kicking" gab er noch eindeutiger seine Absichten bekannt: "Knie nieder, weil wir die Herrenrasse sind", heißt es da. "Treten und Prügeln, spür’ den Hass, Du hast Deine Chance gehabt, aber jetzt ist es zu spät." Und an anderer Stelle: "Für das Reich zu töten ist mein Job."

Trotz dieser eindeutigen Botschaften sah das SPLC jedoch keinen Anlass dazu, die Behörden zu verständigen. Als Grund dafür gab Potok einerseits an, dass Page kein Gesetz gebrochen hatte. Noch wesentlich alarmierender ist jedoch der andere Grund: "Er war nichts Besonderes. Er war einer von Tausenden."

Höhepunkt in den 1990ern

Die Neo-Nazi-Szene in den USA, die am Sonntag unübersehbar ihre hässliche Fratze gezeigt hat, ist offenbar wesentlich lebendiger und aktiver, als dies gemeinhin angenommen wird. Bislang ging man davon aus, dass der Terror von rechts in den USA mit einer Serie von Anschlägen - darunter das Bombenattentat von Timothy McVeigh mit 168 Todesopfern - Mitte der 90er Jahre einen Höhepunkt erreichte und danach wieder abflaute.

Wie sich nun herausstellt, verschwanden die Neo-Nazis aber nicht aufgrund ihrer verminderten Aktivität aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit, sondern weil sich der Fokus in Richtung islamistischer Terrorgefahr verschob. So finden sich auf der Internetseite des Southern Poverty Law Center seit 2001 mehr als 70 Fälle geplanter oder durchgeführter rechtsradikaler Terrorakte in den USA - um ein vielfaches mehr als islamistische Gewalttaten. Erfahrene Sicherheitsexperten sagen deshalb seit Jahren, dass die Gefahr von rechts größer ist als jene aus der islamistischen Ecke. "Eine einzige Gruppe, die Hutaree Militia", sagt Daryl Johnson, ehemaliger Analyst bei der Heimatschutzbehörde HSA, "besitzt mehr Waffen als alle 200 verhafteten muslimischen Extremisten in den vergangenen zehn Jahren."

Laut Johnson ist die rechte Gefahr seit 2008 rasant angestiegen - seit dem Jahr, in dem mit Barack Obama der erste schwarze Präsident gewählt wurde und die Einwanderungsdebatte monatelang an oberster Stelle der nationalen Tagesordnung stand. "Die Zahl der rechten Organisationen ist von 50 auf 200 angewachsen." Dennoch wurden seither nicht mehr Ressourcen auf die Bekämpfung dieser Gefahr verwandt. Ein entsprechender Bericht, den Heimatschutzministerin Janet Napolitano 2009 dem Kongress vorlegte, wurde von konservativen Abgeordneten als "fehlgeleitet" abgetan. Die nationale Priorität müsse nach wie vor auf der islamistischen Gefahr liegen.