Wien/Damaskus. Tote bei Gefechten, Überläufer zur Opposition oder Ränkespiele zwischen Russland und westlichen Staaten im UNO-Sicherheitsrat: Im Minutentakt laufen Meldungen zu Syrien über das weltweite Netz der Nachrichtendienste; mehr als 7000 steuerte alleine die Austria Presse Agentur seit Ausbruch der Krise im März 2011 bei. In diesem Zeitraum wurden Schätzungen zufolge bereits mehr als 15.000 Personen getötet.

Martin Staudinger reiste im Juni nach Syrien. - © privat
Martin Staudinger reiste im Juni nach Syrien. - © privat

Abstrakte Zahlen, doch welche Situationen haben jene Journalisten erlebt, die tatsächlich vor Ort waren? Drei österreichische Journalisten schildern im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" ihre Erfahrungen. "Mir schien, es ist eine soziale Revolution zwischen Arm und Reich in Gang, nicht ein Krieg zwischen Sunniten und Alawiten", erzählt Petra Ramsauer. Die gebürtige Vöcklabruckerin ist für die "Zeit" und die "Neue Zürcher Zeitung" tätig und verbrachte Ende April zehn Tage in Syrien. Damals bestand noch Hoffnung auf eine Umsetzung des Friedensplans des mittlerweile zurückgetretenen UNO-Vermittlers Kofi Annan - der auch Bewegungsfreiheit für Journalisten vorsah. "Das Regime behandelte mich daher wie ein rohes Ei", sagt Ramsauer.

"Rote Linie" Assad

Petra Ramsauer tritt für hohe Sicherheitsstandards ein. - © privat
Petra Ramsauer tritt für hohe Sicherheitsstandards ein. - © privat

Überrascht war die Journalistin von der Offenheit, mit der sogar Mitarbeiter des syrischen Informationsministeriums Missstände im Land ansprachen. Machthaber Bashar al-Assad wurde von der Kritik zwar ausgenommen, nicht aber dessen Bruder Maher und der im Juli bei einem Attentat getötete Schwager Assef Schawkat.

Wieland Schneiders Buch zu Folgen des Arabischen Frühlings.
Wieland Schneiders Buch zu Folgen des Arabischen Frühlings.

Kritik an ausufernder Korruption wurde auch Wieland Schneider bei seinem Aufenthalt im Juli ausführlich geschildert. "Doch niemand wagte, Assad offen zu kritisieren, das war eine rote Linie", berichtet der Außenpolitik-Redakteur der "Presse". "Man merkt auch schnell, welche Erzählungen authentisch sind." So wurden Schneider vom Informationsministerium Interviewpartner angeboten; er führte auch ein Gespräch mit dem Leiter des Militärkrankenhauses. Bei ihm war für Schneider "klar, dass er Anhänger des Regimes ist". Auch unter Christen finde Syriens Präsident noch immer viele Anhänger: In der von Orthodoxen bewohnten Altstadt von Damaskus herrsche Angst vor den Islamisten, so Schneider.

Eine Erfahrung, die auch "Profil"-Redakteur Martin Staudinger im Juni machte. Für ihn sei auch noch nicht sicher, auf welcher Seite die obere Mittelschicht stehe. Trotz der konfessionellen Muster des Konflikts warnt Ramsauer vor der "sozialromantischen Darstellung", alle Alawiten, die nur etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung stellen, stünden hinter dem Alawiten Assad und liebten den Präsidenten. Die Journalistin veröffentlicht im Herbst ihr Buch "Mit Allah an die Macht" (Verlag Ueberreuter), in dem sie sich mit der Rolle islamischer Bewegungen in der arabischen Welt sowie global auseinandersetzt.