Wien/Washington. Das Meer an Steintafeln auf dem Washingtoner Heldenfriedhof Arlington ist unübersehbar groß, und täglich werden neue Gräber ausgehoben. In Sektion 60 ruhen die Gefallenen der Kriege im Irak und in Afghanistan. Die meisten, die hier liegen, wurden nicht älter als 25 Jahre, an einigen Gräbern kauern Kriegswitwen, die oft selber noch halbe Kinder sind.

Mehr als 6500 US-Soldaten sind nach 2001 in Uncle Sams Rachefeldzügen gestorben, am Hindukusch ist der Einsatz für tausende US-Soldaten noch lange nicht vorbei. Die mächtigste Nation der Welt ist kriegsmüde, niemand formuliert das deutlicher als Barack Obama selbst. "Wir hassen den Krieg", sagt der US-Präsident am Memorial Day, der übliche Hurra-Patriotismus weicht kritischer Selbstbetrachtung. Der Vietnam-Krieg sei eine "Schande" gewesen, erklärt Obama. Was er über die Feldzüge im Irak und in Afghanistan denkt, behält er für sich.

225.000 Kriegstote, die meisten sind Zivilisten

Washington will das Kapitel Krieg so schnell wie möglich hinter sich lassen, die Kosten der militärischen Unternehmungen sind gigantisch. US-Ökonomen haben errechnet, dass die Feldzüge im Irak und in Afghanistan mit 4 Billionen Dollar zu Buche schlagen, die von den USA aufgenommenen Kredite werden die Steuerzahler noch lange belasten. Ganz zu schweigen von den 225.000 Menschen, die unmittelbar oder in direkter Folge der Kriege getötet wurden. Die überwiegende Mehrheit der Opfer sind irakische und afghanische Zivilisten.

Auch die USA werden noch lange an die letzten Kriege denken, allein die Behandlungskosten für verwundete Kriegsveteranen gehen in die Milliarden. Ganz zu schweigen von den massiven sozialen Problemen, die durch die Kriegsheimkehrer entstehen.

Die Veteranen, die bei jeder Gelegenheit als Helden der Nation geehrt werden, haben in Wirklichkeit ganz schlechte Karten. 140.000 Ex-Soldaten büßen Haftstrafen in Bundes- und Staatsgefängnissen ab, weit mehr als die Hälfte davon kämpfen mit massiven Drogenproblemen. 25 Prozent der Obdachlosen - insgesamt 107.000 - sind Kriegsveteranen, die Selbstmordrate ist enorm hoch. In den vergangenen zehn Jahren haben sich 2700 aktive Soldaten das Leben genommen, der Vietnam-Krieg hat die meisten Todesopfer erst nach seinem Ende gefordert. 18 Veteranen pro Tag bringen sich um, so das United States Department of Veterans Affairs.

In den USA leben 23 Millionen Kriegsveteranen, laut dem Interessenverband Iava haben 2,3 Millionen US-Soldaten in Afghanistan und im Irak gedient. Psychiater gehen davon aus, dass ein Drittel dieser Ex-Soldaten in irgendeiner Form an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) leidet. Die Betroffenen haben Schlafstörungen, Panikattacken, oft reagieren sie aggressiv auf ihre Umwelt. Bei manchen treten diese Symptome nur innerhalb eines beschränkten Zeitraums auf und verschwinden dann. Bei vielen werden die Beschwerden aber chronisch und verfestigen sich zu Persönlichkeitsveränderungen. Die Opfer ziehen sich zurück, sind nicht mehr in der Lage, die Realität wahrzunehmen, greifen zu Drogen und Alkohol. Viele PTSD-Patienten leiden unter einem Zustand permanenter Anspannung, der Körper ist in einem ständigen Alarmzustand. Die Folgen der Krankheit sind dramatisch, viele verlieren ihren Job, werden straffällig, begehen Selbstmord.

Im Pentagon ist man sich des Problems bewusst. 3,3 Milliarden Dollar sind im Verteidigungsetat für die Behandlung schwer traumatisierter Soldaten vorgesehen, die Hilfsangebote sind umfassend. Immer gründlicher werden die Einheiten auf Kampfeinsätze vorbereitet, die Ursachen der Soldatenkrankheit sind gut erforscht. Trotzdem breitet sich PTSD wie eine Seuche aus. Das auch deshalb, weil sieben von zehn US-Soldaten mit seelischen Verwundungen nicht professionelle Hilfe aufsuchen. Dahinter steht die Angst, als Schwächling abgestempelt zu werden. Viele Soldaten befürchten, ausgemustert zu werden und ihren Lebensunterhalt zu verlieren.

Auf der anderen Seite müssen Kriegsheimkehrer, die Hilfe wegen psychischer Probleme suchen, oft monatelang auf einen Termin warten. Für manche kommt dann jede Hilfe zu spät. Für rund 550.000 Soldaten der US-Armee gibt es nur 400 Psychiater. Fehlen Zeit und Personal für aufwendige Therapien, werden Pillen verschrieben.

Fatale Zange: Wenn Kampf und Flucht unmöglich sind

Die Entstehung und Wirkung von Traumata sind von der Wissenschaft mittlerweile gut erforscht: "Entscheidend ist, dass ein Ereignis eintritt, das den üblichen Erlebnisrahmen sprengt", erklärt Peter Zimmermann, Chef des Traumazentrums der deutschen Bundeswehr in Berlin. Andere Ärzte sprechen davon, dass die Psyche von einem Reiz-Tsunami "überschwemmt" wird. Zimmermann hat Bundeswehrsoldaten behandelt, die den Afghanistan-Einsatz nur äußerlich unbeschadet überstanden hatten. "Zu den wichtigsten Stressfaktoren zählen Kampfhandlungen und Anschläge. Wer Zeuge wird, wie unbeteiligte Zivilisten qualvoll sterben, kann ebenfalls geschädigt werden", sagt Zimmermann zur "Wiener Zeitung".