Timbuktu.

300.000 Manuskripte werden im Norden Malis vermutet. Viele davon sind unerforscht. - © © Sandro Vannini/CORBIS
300.000 Manuskripte werden im Norden Malis vermutet. Viele davon sind unerforscht. - © © Sandro Vannini/CORBIS
Der Bibliothekar ist verzweifelt. "Wenn sie die Bibliothek zerstören, ist alles weg. Alles. Unsere Geschichte, unser kulturelles Erbe, unsere Identität. Es wäre der totale Verlust", sagt der Mann, der jahrelang die mittelalterlichen Handschriften in der Ahmed-Baba-Bibliothek im sagenhaften Timbuktu katalogisierte, archivierte und digitalisierte. Es war von Anfang an ein Wettlauf gegen die Zeit. Zunächst gegen die Termiten und die gleißenden Strahlen der Sonne, die die porösen Dokumente zersetzten und die Tinte verbleichen ließen. Zuletzt gegen Ignoranz und Zerstörungswut. Der Wettlauf droht jetzt zu scheitern.

Seit einigen Wochen haben die der Al-Kaida im islamischen Maghreb nahestehenden Extremisten der Ansar Dine den Hort des Wissens im Norden Malis besetzt. Systematisch haben sie in der Wüstenstadt bereits sufistische Heiligtümer zerstört, weil sie nicht in ihr enges Weltbild passen. Jetzt könnten auch die Schriften der größten Bibliothek des westafrikanischen Landes den Zorn der Fundamentalisten auf sich ziehen und ihrem Vernichtungsfeldzug zum Opfer fallen.

Die Räume des 1973 auf Initiative der Unesco gegründeten Ahmed-Baba-Instituts beherbergen auf mürbem Papier, auf kunstvoll verzierten Schriftrollen, auf zwischen Kamelhäuten geschützten Seiten, auf vergilbten Kladden, in brüchigen Lederschubern und in abgewetzten Folianten die lange vergessenen Wüsten-Manuskripte, die einem von den ehemaligen Kolonialherren lange gepflegten Vorurteil widersprechen: der chauvinistischen Annahme, dass es in Afrika vor der Ankunft des weißen Mannes kaum eine Schriftkultur gab.

Auf Arabisch, in der Berbersprache Tamaschek und in den afrikanischen Sprachen der Sahelzone haben die Schönschreiber von Timbuktu im späten Mittelalter alles aufgeschrieben, was sie wussten. Da die Karawanenstadt am südlichen Rand der Wüste über Jahrhunderte nicht nur ein Umschlagplatz für die Waren des transsaharischen Handels, sondern auch für Wissen und Ideen aus aller Welt war, trugen die islamischen Schreiber im Laufe der Jahrhunderte einen immensen intellektuellen Schatz zusammen, der von einem liberalen und toleranten Islam zeugt.

Wissen aus aller Welt


Timbuktu galt zu seiner Blütezeit mit seinen zahlreichen Gelehrten und Studenten und den mehr als 150 Koranschulen als schwarzes Oxford, hatte im intellektuellen Diskurs der Epoche eine ähnliche Stellung wie Kairo, Damaskus oder Bagdad. Unter den bis zu 300.000 Manuskripten, die Forscher im Norden Malis vermuten, befinden sich Aufzeichnungen zur Religion, Geschichte, Philosophie, Astronomie, Astrologie, Biologie, Geografie, Literatur, Medizin, Mathematik und zum islamischen Recht sowie Huldigungen, Ratgeber und Korrespondenzen. "Die Schätze der Weisheit sind nur in Timbuktu zu finden", lautet ein altes malisches Sprichwort. Doch diese Schätze drohen nun für immer verloren zu gehen.