Charlotte. "Schau an, Sie fliegen nach Charlotte, zur Democratic National Convention. Mich hätten sie auch als Delegierte von der Partei eingeladen. Aber ich habe dankend abgelehnt", erklärte die Schalterbeamtin der Delta-Airlines in Minnesota. Wieso? Hat Barack Obama wirklich seine Anziehungskraft verloren? "Nein, ich fühl mich nur für den Rummel auf so einer Convention zu alt", grinst die Mittfünzigerin.

Und wirklich man braucht Durchsetzungskraft, denn auf der Hauptstraße South Tryon (besonders am Eck zur Martin Luther King Street) herrscht dichtes Gedränge. Dabei ist das angeblich die "Ruhe vor dem Sturm". Trotzdem, tausende von Menschen schieben sich von A nach B oder in die andere Richtung. Verkaufsstände säumen beide Seiten. T-Shirts, Schlüsselanhänger, Taschen. Barack Obama alleine. Barack Obama mit Martin Luther King. Michelle Obama alleine. Michelle und Barack Obama. "Yes we can - again", ist einer der beliebtesten Slogans auf den Fanartikeln. Die Stimmung ähnelt einem Jahrmarkt, nur dass die Jahrmarktbesucher vor allem aus Anhängern der Demokraten und Journalisten bestehen.

Der US-Nachrichtensender MSNBC hat gleich ein ganzes Einkaufszentrum in Charlotte Downtown gekapert, Über mehrere Stockwerke wurden die Bilder der MSNBC-All-Stars wie der Kommentatorin Rachel Maddow aufgeklebt. Im Fitness-Center Gold Gym im Shoppingkomplex hat sich der Nachrichtendienst Bloomberg eingemietet.

Dazwischen Fast Food in allen frittierten Nuancen. Ein Meer von Stimmen, Schreien, Lachen, Lautsprecherdurchsagen und Handygeklingle. Irgendwo spielt Jeff Bridges. Seine Musik wabert auf die Straße während sein Bild groß verpixelt auf den Anzeigetafeln zu sehen ist. Der Schauspieler ist mit seiner Band "The Abiders" einer der vielen gemunkelten Überraschungsgäste, die für Barack Obama hier in Charlotte Stimmung machen sollen. George Clooney und Brad Pitt sollen sich auch irgendwo aufhalten. Sagt man. Die Democrats halten aber vorerst für die Gerüchteküche die Reihen dicht. Man will nicht alle Knall-Effekte im Vorhinein verpuffen lassen.

Uninspirierter Romney

Zur Not muss man eben die Hollywood-Stars aufbieten - die Demokraten unter Barack Obama haben es derzeit nicht leicht. North Carolina hat vor vier Jahren das erste Mal - seit Jimmy Carter in 1976 - für die Democrats, also für Barack Obama, gestimmt. Eine aktuelle Umfrage von Wochenbeginn zeigt den Staat wieder mit einer republikanischen Tendenz. Und das, obwohl der republikanische Parteitag vergangene Woche nicht berühmt war, und die Rede des republikanischen Kandidaten Mitt Romney als beispiellos schlecht und uninspiriert von den US-Amerikanern gewertet worden war. So ereignislos, dass sich die Medien vor allem mit der Rede seines Vize-Kandidaten, Paul Ryan, auseinandersetzen. Die Tatsache, dass er über seine Bestzeit bei einem Marathon geflunkert hat (beziehungsweise, je nach Lesart, sich "um eine Stunde verschätzt hat"), und dass das General-Motors-Werk nicht, wie Ryan in seiner Rede behauptet hat, unter Barack Obama geschlossen werden musste, sondern unter dessen republikanischen Vorgänger George W. Bush.

Romney hat allerdings den Vorteil so oder so der schlechten Wirtschaftslage, auf die sich die herausfordernden Republikaner naturgemäß konzentrieren. Die Demokraten versuchen hingegen wiederum die Patzer des Gegners in anderen Bereichen (wie etwa den Vergewaltigungs-Sager des Republikaners Todd Akin) für sich auszuwerten und versuchen, Frauenrechte und insbesondere das Recht auf Abtreibung subtil weiterhin in den Medien zu halten. Angeblich will sich das Lager von Barack Obama besonders auf die "Mittelschicht" in den Reden konzentrieren.

Dienstag Abend US-Zeit beginnt der offizielle Auftakt mit einer Rede von Michelle Obama. Man darf gespannt sein. Der Job einer First Lady ist es bei solchen Veranstaltungen vor allem, seinen Ehepartner in dem besten, humansten Licht erscheinen zu lassen. Doch, dass Barack Obama sympathisch ist, und bei den Umfragen zur Persönlichkeit meilenweit vor Romney liegt, bestreiten nicht einmal die Republikaner. Doch, "was hat Ihnen die Amtszeit von Barack Obama gebracht", ist die zentrale Frage, die die Republikaner in ihren Werbeveranstaltungen stellen. Das im Fernsehen am häufigsten ausgestrahlte Werbevideo handelt von enttäuschten Obama-Wählern.