Peking. "Die junge Generation ist geeint in einer Welle patriotischer Emotionen", schrieb die chinesische Tageszeitung "China Daily" und zeigte dazu das Bild eines zirka 6-jährigen Jungen, der ein Schild mit anti-japanischen Schmähungen in die Höhe hält. Fotos wie dieses erwecken den Eindruck, dass die gesamte Nation gegen den gemeinsamen Feind zusammenrückt, um gegen den aus chinesischer Sicht illegalen Kauf der Senkaku-Diaoyu-Inseln zu protestieren. Es blieb nicht nur beim lautstarken Protest: Ein Beamter des Außenministeriums schätzte, dass am Wochenende 1000 japanische Autos umgeworfen oder beschädigt worden seien. Das Bild einer weinenden Chinesin in Xi’an, die einen Mob pöbelnder Nationalisten vergeblich anfleht, ihren Mazda zu verschonen, hat sich eingeprägt und wird mittlerweile von Internetzensoren gelöscht. Eine Mehrheit der Chinesen scheint aber eher zurückhaltend auf das Thema zu reagieren. Zwar sind anti-japanische Ressentiments in ganz China eine Tatsache: Die Wunden vor allem aus den zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg und der teils schlampige Umgang der Japaner mit der eigenen Geschichte lassen in China seit jeher die Wogen hochgehen. Wirft man jedoch einen Blick auf die chinesischen Blogs und Internetforen, reagiert ein Großteil der Internetuser mehr oder weniger deutlich ablehnend auf den nationalistischen Exzess der vergangenen Tage.

Vandalismus, Patriotismus

Die meisten verurteilen vor allem die Gewalt gegen japanische Einrichtungen: "Wenn wir so barbarisch gegen andere Länder vorgehen, werden wir wohl immer ein Land bleiben, in dem es keine Gesetze gibt", schreibt ein User auf Weibo, der sich Sorgen um das Ansehen seines Landes macht. Es sind vor allem die Frauen, die sich durch den ausgebrochenen Hass und die Wut auf die Japaner abgestoßen fühlen: "Diese Leute sind schlimmer als Tiere. Was soll bitte daran patriotisch sein, chinesischen Bürgern ihr Eigentum zu zerstören?", fragt eine Userin mit dem Namen Cici. Ins selbe Horn stößt Chinas bekanntester und populärster Blogger, der Rallyefahrer Han Han. Zwar unterstützt er in der Inselfrage die Position der chinesischen Regierung, merkt jedoch an: "Die Medien sollten Vandalismus nicht mit Patriotismus gleichsetzen. Diese Proteste ruinieren das Ansehen und die Reputation Chinas völlig. Es ist doch absurd, wenn jemand, der schikaniert wird, nach Hause geht und seinen Ärger dann an den eigenen Familienmitgliedern auslässt! Wenn das so weitergeht, kann morgen jeder das nächste Opfer sein." Vielen Internetbenutzern scheint auch klar zu sein, dass es sich bei den Demonstrationen mitnichten um "spontane" Volkserhebungen gehandelt hat, sondern dass sie organisiert wurden. Rund um die japanische Botschaft in Peking standen beispielsweise Busse, mit denen die Demonstranten - alle begleitet von Männern mit diskreten Knopf-Kopfhörern - angekarrt wurden. "Spontaner Volkszorn sieht anders aus", merkt ein User an. Ein Aufruf zur Verständigung kommt indessen von unerwarteter Seite: Einer der bekanntesten japanischen Stars in China ist ausgerechnet die ehemalige Pornodarstellerin Sola Aoi, die von vielen Chinesen ehrfürchtig "Die Lehrerin" genannt wird. Auf ihrem Sina-Weibo-Blog schreibt sie in chinesischen Schriftzeichen: "Menschen in Japan und China, seid nett zueinander." In diesem Fall ging die Message allerdings durch diverse unflätige Folgekommentare unter.