Damaskus/Genf/München. (reuters/red) Die syrischen Bürgerkriegsparteien reden miteinander, während das Töten unvermindert weitergeht. Am 10. Februar sollen Vertreter der Opposition und des Regimes in Genf zu einer neuen Verhandlungsrunde zusammenkommen - freilich nur unter massivem Druck der USA und Russlands. Die UNO betont, dass allein der Umstand, dass sich die Todfeinde an einen Tisch setzen, schon ein großer Erfolg sei.

Die Lage für zahllose Zivilisten in den umkämpften Gebieten verschlimmert sich unterdessen. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien meldet laut Reuters, dass Armeehubschrauber am Dienstag Fassbomben über Aleppo abgeworfen hätten. Mindestens 83 Menschen seien getötet worden, die meisten Opfer seien Zivilisten aus dem östlichen Teil der umkämpften Stadt. Amateurvideos, die von Oppositionellen online gestellt wurden, zeigen Bilder der jüngsten Bombardements. Auf einem Video ist zu sehen, wie ein junger Mann ein lebloses Kind durch die Schuttwüste trägt. Apathisch wirkende Kinder bedecken ihre Gesichter mit ihren T-Shirts, ein Mann führt zwei staubbedeckte, schreiende Frauen aus der Gefahrenzone. In einem anderen Video ist zu sehen, wie die Fassbomben zu Boden fallen; bei der Explosion sind Stichflammen und grauer Rauch gut auszumachen. Laut Beobachtungsstelle hat die Armee Fassbomben am Wochenende auch in den Vororten von Damaskus eingesetzt und andere Städte mit Artillerie beschossen und aus der Luft angegriffen.

Eine unabhängige Bestätigung dieser Berichte gibt es nicht.

Die Benutzung der improvisierten Bomben über Wohngebieten wird international verurteilt. Die Hilfsorganisation Human Rights Watch etwa hebt hervor, dass die Armee bewusst nicht-militärische Ziele angreifen würde. Dem Regime gehe es darum, Zivilisten, die sich in Gebieten aufhalten, die von den Rebellen gehalten werden, das Leben zur Hölle zu machen. Es gibt Berichte, wonach ein Spital acht Mal angegriffen worden sein soll.

Das syrische Regime entgegnet auf diese Vorwürfe, dass auch die Rebellen Zivilisten beschießen würden. Zudem würden die Anti-Assad-Kämpfer Zivilisten als Schutzschilde missbrauchen.

Probleme bei Vernichtung der Chemiewaffen

Bei der Vernichtung der Chemiewaffen ist die syrische Regierung nach US-Angaben in Verzug geraten. Washington drängt Damaskus zu mehr Anstrengungen. Bisher hat das Assad-Regime nach US-Angaben lediglich vier Prozent der Bestände außer Landes gebracht. Moskau versichert, dass das Regime in den kommenden Wochen eine größere Ladung von Chemiewaffen aushändigen will. Die Verschiffung der nächsten Charge sei noch im Februar geplant, so der stellvertretende russische Außenminister Gennadi Gatilow. Syrien, so Moskau, werde seine Verpflichtungen einhalten. Über den Umfang der nächsten Chemiewaffen-Ladung machte Gatilow keine Angaben. Eigentlich hätten die gefährlichsten der syrischen Chemiewaffen bereits mit Jahreswechsel außer Landes gebracht werden sollen. Der Gesamtbestand der Kampfstoffe soll gemäß einer UNO-Resolution bis Mitte 2014 vollständig vernichtet sein. Nach Ansicht des Österreichers Peter Glittenberg, Cheflogistiker der Chemiewaffen-Vernichter, liegt die Erreichung der Vorgabe in "weiter Ferne". Die syrische Seite setze aber ihre "Verpflichtungen nur sehr zögerlich" um. Die Verzögerung bei der Zerstörung der C-Waffen sei aber auch auf die Sicherheitslage im Land selbst zurückzuführen.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hat Russland gestern aufgefordert, mehr zur Lösung des Syrien-Konfliktes zu tun. "Russland hat eine Schlüsselfunktion, das haben wir schon bei den Chemiewaffen gesehen", so die Kanzlerin nach einem Treffen mit dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan. Ankara unterstützt die Rebellen, Erdogan warf Russland und China Zynismus vor und forderte Präsident Wladimir Putin auf, sich nicht als Anwalt Assads zu gerieren.

Fassbomben

Eine Fassbombe ist eine improvisierte Explosivwaffe, die laut Opposition von der syrischen Armee eingesetzt wird. Sie besteht aus einem mit Sprengmitteln und Granatsplittern gefüllten Fass, das von einem Hubschrauber aus großer Höhe abgeworfen wird. Derartige Bomben sind billiger und einfacher zu produzieren als herkömmliche Waffen, entwickeln aber enorme Zerstörungskraft. Das explosive Material kann aus Düngemittel und Heizöl bestehen. Als Fässer werden modifizierte Heizkessel oder Behälter zur Warmwasserbereitung benutzt. Sie sind mit Zündschnüren versehen. In den letzten sechs Wochen sollen in Syrien 700 Menschen durch Fassbomben gestorben sein.