Islamabad/Wien. (klh) Sie hatten zwei Stunden lang vergeblich gewartet: Als Vertreter der pakistanischen Taliban in der Hauptstadt Islamabad erschienen, um Friedensverhandlungen mit Regierungsvertretern zu führen, tauchten die Unterhändler des Staates einfach nicht auf. Später sickerte durch, dass diese nicht gekommen waren, weil die Taliban im Vorfeld nicht klargemacht hatten, wer sie überhaupt vertreten wird.

Die Verhandler der Taliban, die in Islamabad erschienen sind - unter ihnen der radikale Geistliche Maulana Sami ul-Haq, der als einer der ideologischen Ziehväter der Gotteskrieger gilt - zogen sichtlich verärgert von dem geplatzten Treffen ab. Doch sie zeigten sich für weitere Gespräche offen. Die Verhandlungen sollen in den nächsten Tagen beginnen.

Premierminister Nawaz Sharif hatte die Friedensinitiative in der vergangenen Woche überraschend gestartet - Beobachter hatten viel eher damit gerechnet, dass das Militär seine Offensive in den Einflussgebieten der Taliban an der afghanischen Grenze verstärken werde. Sharif begibt sich damit auf heikles Terrain, denn die öffentliche Meinung zu den Verhandlungen ist gespalten: Auf der einen Seite wird kritisiert, dass man mit Terroristen, die fast täglich unschuldige Zivilisten töten, überhaupt in Verhandlungen tritt. Und manche Kommentatoren stellen die Frage, was die Regierung eine Gruppierung, die im ganzen Land einen radikalen Gottesstaat fordert, überhaupt anbieten will. Die Gegenseite wiederum argumentiert, dass die Taliban einfach zu stark geworden wären, weshalb an Gesprächen kein Weg vorbeiführe.

Kein Waffenstillstand

Klar ist, und nicht erst seit dem Chaos um das geplatzte Treffen, dass die Gespräche äußerst kompliziert sein werden und ihre Erfolgsaussichten nicht die größten sind. So gibt es noch kein Waffenstillstandsabkommen und die Taliban bomben einstweilen weiter. Selbst Rahimullah Yusufzai, der aufseiten der Regierung verhandelt, spricht von einer "schwierigen Aufgabe" und verweist darauf, dass in der Vergangenheit sämtliche derartige Initiativen gescheitert seien.

Überhaupt herrscht Zweifel, wie ernst die Taliban die Gespräche nehmen. Schon die Ernennung ihres Verhandlungsteams erinnerte an eine Posse: So schlugen die Gotteskrieger in den vergangenen Tagen einfach wahllos Personen des öffentlichen Lebens als ihre Vertreter vor - ohne diese vorher zu befragen. Genannt wurde etwa der frühere Cricket-Star Imran Khan, der ebenso wie viele Taliban Paschtune ist. Den nunmehrigen Politiker brachte aber der Vorstoß der Taliban eher in Verlegenheit - wird ihm doch ohnehin schon von seinen Kritikern eine zu große Nähe zu den Radikalislamisten nachgesagt. Die Sportlegende lehnte es umgehend ab, dem Verhandlungsteam der Taliban anzugehören.

In der Vergangenheit haben die Taliban immer wieder Friedensgespräche nur zum Schein geführt. Sie nutzten die Atempause, um sich neu zu bewaffnen und besser aufzustellen. Nun herrscht Angst, dass sich dies wiederholt.

Aber auch von der anderen Seite könnten die Gespräche torpediert werden. So gibt es noch kein Zeichen der Zustimmung zu den Verhandlungen von dem mächtigen Militär. Mit ihrem Schweigen macht die Armee laut Beobachtern klar, dass sie nicht sonderlich glücklich über die Friedensinitiative von Premier Sharif ist.

Doppelbödiges Spiel

Nicht zuletzt spielen auch die USA, die jedes Jahr Milliarden Dollar Militärhilfe an Pakistan überweisen, eine nicht zu unterschätzende Rolle: So töteten die USA im Herbst vergangenen Jahres den Taliban-Führer Hakimullah Mehsud durch einen Drohnenangriff. Auch damals hatte Pakistans Regierung eine Friedensinitiative mit den Taliban gestartet - die Tötung Mehsuds bezeichneten pakistanische Offizielle daher als Sabotageakt der USA.

Nun wollen die USA aber laut einem Bericht der "Washington Post" auf Bitten Islamabads ihre Drohnenangriffe in Pakistan drastisch zurückfahren, solange die Regierung sich um Friedensgespräche mit den Taliban bemühe. Dies gelte jedoch nicht, sobald eine terroristische Bedrohung für die USA bestehe.

Pakistan soll immer eine zwiespältige Rolle gegenüber den USA gespielt haben: Einerseits gab es sich als Verbündeter aus, andererseits soll es in Afghanistan ausgerechnet Taliban unterstützt haben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Pakistans Geheimdienst die Taliban mit aufgebaut hat - laut Beobachtern um zu verhindern, dass das benachbarte Afghanistan zu prowestlich wird und sich mit Pakistans Erzfeind Indien verbündet. Doch mittlerweile überziehen die Taliban auch Pakistan mit Terror. Islamabad bekommt offenbar einen Geist, den es selbst mit gerufen hat, nicht mehr unter Kontrolle.