Washington. (rs) Eine kleine tagespolitische Auszeit kann François Hollande momentan wohl gut gebrauchen. Bei den Zustimmungswerten liegt der französische Präsident derzeit bei knapp unter 20 Prozent und damit auf dem tiefsten Wert seit seiner Wahl im Jahr 2012. Der ehrgeizige "Pakt der Verantwortung", mit dem er die stagnierende Wirtschaft des Landes wieder ankurbeln will, wurde durch die - nicht nur von Boulevard-Medien - genüsslich breitgetretene Affäre mit der Schauspielerin Julie Gayet fast völlig zugeschüttet. Und bei der Familiengesetzgebung war der Druck der Straße zuletzt so groß geworden, dass Hollande die seit langem geplante Reform auf nächstes Jahr verschoben hat.

Der dreitägige Staatsbesuch des französischen Präsidenten in den USA, der am Montagnachmittag begonnen hat, stellt für Hollande aber nicht nur wegen der gegenwärtigen innenpolitischen Probleme ein willkommenes Wohlfühl-Programm dar. Denn ungeachtet der Affäre um die Spähprogramme des US-Geheimdienstes NSA sind die Beziehungen zwischen den beiden Ländern so gut wie lange nicht mehr. Längst vergessen sind die Zeiten der "Freedom Fries", als amerikanische Restaurants in Reaktion auf das französische Nein zum Irak-Krieg keine French Fries mehr servieren wollten.

Als verlässlichster europäischer Partner gilt Frankreich vor allem im Bereich Außen- und Sicherheitspolitik. Beim Sturz des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Frühjahr 2011 flog Frankreich gemeinsam mit den USA Luftangriffe auf das nordafrikanische Land. Nach dem Giftgaseinsatz im syrischen Bürgerkrieg stand Frankreich der US-Regierung bei ihrer Drohung mit einem Militäreinsatz gegen die Führung in Damaskus vergangenen August als einziger westlicher Verbündeter zur Seite. Und während die USA im Atomstreit mit dem Iran auf Frankreich zählen können, erhält Paris Rückendeckung aus Washington für seine Einsätze in Mali und in der Zentralafrikanischen Republik.

Demonstrativ betont worden war das gegenwärtige gute Verhältnis bereits im Vorfeld von Hollandes Visite. "Vor einem Jahrzehnt hätten sich nur wenige vorstellen können, dass unsere Länder auf so vielen Gebieten so eng zusammenarbeiten", schrieben Hollande und Obama in einem gemeinsamen Gastbeitrag für die Zeitungen "Washington Post" und "Le Monde". Und wie sehr den beiden Präsidenten daran gelegen ist, die wieder entdeckte Freundschaft zu festigen, zeigten auch bereits die ersten Stunden des Staatsbesuchs. Unmittelbar nach seiner Ankunft flog Hollande mit seinem Gastgeber nach Monticello im Staat Virginia. Dort liegt das Landgut von Thomas Jefferson, der nicht nur der dritte Präsident der USA und Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung war, sondern auch als Vordenker der amerikanisch-französischen Freundschaft gilt. Monticello sei ein Zeichen für die "unglaubliche Geschichte zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich", sagte Obama dann auch nach einer gemeinsamen Tour durch das Anwesen. Und Hollande fügte an: "Wir bleiben Freunde für immer."

Wirtschaftliche Image-Politur

Der erste Staatsbesuch eines französischen Präsidenten seit Jacques Chirac im Jahr 1996 soll aber nicht nur den außenpolitischen Kitt zwischen den beiden Ländern weiter festigen. Nach dem großen Staatsdinner, das für einigen protokollarischen Wirbel gesorgt hatte, weil auf den Einlandungskarten noch der Name von Hollandes Ex, Valerie Trierweiler, stand, fliegt der französische Präsident am Mittwoch weiter ins kalifornische Silicon Valley.

Im Kernland der US-Hightech-Industrie will Hollande, der von einer vielköpfigen Wirtschaftsdelegation begleitet wird, vor allem wirtschaftliche Beziehungsarbeit leisten. Denn Frankreich, das zuletzt dem Internetriesen Google wegen Steuervermeidungspraktiken die Rute ins Fenster gestellt hat, gilt in den USA nach wie vor als nicht unbedingt unternehmerfreundlich. Mit 23 Prozent steht Amerika bei den ausländischen Direktinvestitionen zwar noch immer an erster Stelle, doch die Nachwehen der intensiv geführten Debatte über den Spitzensteuersatz von 75 Prozent sind bis heute zu spüren. So haben nur 13 Prozent der US-Investoren einen "positiven Eindruck" von ihrem Gastland. Wichtig ist die von Hollande angestrebte Imagepolitur nicht zuletzt auch wegen des von beiden Seiten beschworenen transatlantischen Freihandelsabkommens. Denn wenn sich US-Unternehmen auch künftig nicht willkommen fühlen, könnte sich der versprochene Wachstumsimpuls zumindest für Frankreich als unerfüllte Hoffnung erweisen.