Peking. Es ist Xi Jinpings erste Europareise als chinesischer Staatspräsident - und sie macht bereits Probleme, bevor sie überhaupt offiziell ist. Im Brennpunkt der Reibereien steht ausgerechnet Deutschland, das sich zumeist bester diplomatischer Beziehungen zur Volksrepublik rühmt. Es sind nicht die üblichen Knackpunkte wie Strafzölle oder Menschenrechte, die für Verstimmung sorgen, sondern die leidvolle Vergangenheit, die dieser Tage sehr lebendig ist in Asien. Erwartet wird der chinesische Präsident zum Gipfeltreffen für nukleare Sicherheit am 24. und 25. März in Den Haag, danach soll er nach Brüssel, Frankreich und Deutschland weiterreisen - was noch nicht bestätigt ist. Doch hinter den Kulissen brodelt es bereits.

Xi Jinping möchte den Zweiten Weltkrieg zur Agenda seines Europabesuchs machen, ein Holocaustmuseum besuchen und den deutschen Umgang mit der Vergangenheit loben - und schafft es damit, sowohl die Gastgeber als auch Japan und die Philippinen vor den Kopf zu stoßen. Deutsche Diplomaten zeigten sich am Wochenende "sehr unglücklich" darüber, dass "China permanent die schmerzhafte Vergangenheit Deutschlands zum Thema" machen wolle. Der chinesischen Seite wurde zu verstehen gegeben, dass dieses negative Erbe Staatsbesuche nicht weiter dominieren dürfe. Ein Ansuchen Xis, das Holocaust Denkmal in Berlin zu besuchen, wurde umgehend zurückgewiesen, stattdessen will der Präsident nun die Neue Wache besuchen, die zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Händeringend wird seitdem über diplomatische Kanäle versucht, ihn auch von diesem Vorhaben abzubringen.

Denn die Deutschen wissen natürlich, dass nicht sie die eigentlichen Adressaten dieser Ovationen sind, sondern Chinas pazifische Nachbarstaaten. Da wären zum einen die Philippinen, deren Präsident Benigno Aquino angesichts der chinesischen Gebietsansprüche vor kurzem einen gewagten Vergleich anstellte: "An welchem Punkt sagen Sie: ‚Genug ist genug‘? Die Welt muss dies sagen - erinnern Sie sich daran, dass das Sudetenland Hitler überlassen wurde, um den Zweiten Weltkrieg zu verhindern." Zum anderen haben sich die Streitigkeiten mit Japan um die unbewohnten Senkaku/Diaoyu Inseln in der Südchinesischen See seit Ende Dezember noch einmal verschärft, als Japans Ministerpräsident Shinzo Abe den Yasukuni-Schrein besuchte. In dem Heiligtum unweit des Kaiserpalastes in Tokio werden neben den Kriegstoten auch verurteilte Kriegsverbrecher geehrt. Abe ist der erste japanische Ministerpräsident seit 2006, der dort gebetet hat. China - wo im Zuge von Maos "Großen Sprung 45 Millionen starben - empfindet das als Provokation.

Zahlreiche diplomatische Quellen haben seitdem berichtet, dass China Druck auf westliche Botschaften ausgeübt hätte, um Abes Schreinbesuch zu verurteilen. In der Öffentlichkeit lobten die Sprecher des Außenministeriums hingegen demonstrativ Deutschland, das im Gegensatz zu Japan Sühne geleistet und die eigene Geschichte aufgearbeitet habe. Auch der zuvor in Österreich tätige chinesische Botschafter in Berlin, Shi Mingde, legte in einem Interview noch einmal nach: "Stellen Sie sich vor, die Bundeskanzlerin würde statt eines Holocaust-Mahnmals den Hitler-Bunker besuchen und dort einen Kranz niederlegen. Das ist unvorstellbar." In einer großen Propaganda-Offensive werden seit kurzem ausländische Reporter zur Gedenkstätte des Massakers von Nanjing geführt, wo japanische Soldaten 1937 ein Massaker an der Zivilbevölkerung verübt hatten. Deren Kurator Zhu Chengshan sagt: "Die Deutschen haben ihre historischen Fehler eingesehen und daraus gelernt, die Japaner sind das genaue Gegenteil."

Japanisches Eingeständnis

Jüngste Ereignisse scheinen dies vordergründig zu bestätigen: Letzte Woche haben Unbekannte in Tokio mehr als 250 Exemplare des "Tagebuchs der Anne Frank" schwer beschädigt und verunstaltet. Vermutet wird ein Zusammenhang mit dem Ansuchen Japans, die Abschiedsbriefe der Kamikaze-Flieger als Unesco-Weltdokumentenerbe zu erfassen.

Allerdings haben japanische Führer in der Vergangenheit wiederholt ihre Kriegsverantwortung eingestanden, 1995 hatte sich der damalige sozialdemokratische Präsident Tomiichi Murayama offiziell für die Kriegsaggressionen seines Landes entschuldigt. Und auch dessen konservativer Nachfolger Abe stellte klar, dass seine Regierung an dieser Erklärung festhalten würde. In diesem Klima gegenseitiger Schuldzuweisungen wehrt sich Deutschland vor Xi Jinpings Staatsbesuch nun vehement, in den Konflikt mit Japan hineingezogen zu werden. Man will mit dem Gast lieber historisch Unverfängliches besprechen. Strafzölle zum Beispiel.