Bagdad/Mossul. Der Gouverneur von Mossul ist sichtlich angeschlagen, als er im kurdischen Erbil vor die Presse tritt und die Übernahme seiner Stadt durch die Terrororganisation Isis bestätigt. Atheel al-Nujaifi hat tiefe Ringe unter den Augen. In buchstäblich letzter Minute konnte er in die sicheren Kurdengebiete fliehen, bevor Mitglieder des "Islamischen Staates im Irak und der Levante" (Isis) Nujaifis Amtssitz stürmten, Fernsehstationen besetzten und sogar den Flughafen angriffen. Sie hätten Mossul "befreit", jubilierten die schwarzgekleideten Männer und hissten ihre Dschihadisten-Fahnen auf den eroberten Gebäuden. Zwei Tage lang sei seine Stadt nun ohne Wasser und Strom und tausende Menschen seien auf der Flucht, sagt der Gouverneur. Schätzungen gehen von einer halben Million Flüchtlingen aus, die Mossul und die Provinz Ninive verlassen. Die UN-Mission im Irak teilt mit, dass auch Schulen unter gezielten Mörsergranatenbeschuss geraten seien. Das hört sich nicht wie eine Befreiung an.

Selbstjustiz der Terroristen ist Irakern noch in Erinnerung

Inzwischen hat sich die irakische Armee gänzlich aus der Stadt zurückgezogen und das Feld Isis überlassen. Auch die umliegende Provinz Ninive soll fest in der Hand der Terrororganisation sein. Anbar, die nordöstlich von Bagdad gelegene Provinz, ist ohnehin Operationsbasis und Unterschlupf. Nächste Ziele seien die Eroberung der Provinz Kirkuk, samt der gleichnamigen reichen Ölstadt selbst und die Nachbarprovinzen Salahuddin und Dijala, hört man in Bagdad. Tikrit, Provinzhauptstadt Salahuddins, war bereits kurz in den Händen der Terrororganisation und ist weiter umkämpft. Isis will ein Territorium kontrollieren, das bis auf die drei autonomen Kurdenprovinzen im Nordosten Iraks den gesamten Norden umfasst. Ein "Islamischer Staat" könnte also entstehen. Was das bedeutet, haben die Iraker noch gut in Erinnerung, als Flugblätter das Tragen streng islamischer Kleidung vorschrieben, Alkoholläden bombardiert und Frauen am Steuer erschossen wurden. Die Selbstjustiz der Terroristen führte zu grausamen Hinrichtungen, entsetzlichen Entführungen und fast grenzenloser Anarchie. Das ist zehn Jahre her.

Schon damals hieß die Dachorganisation aller radikal islamistischen Terrorgruppen "Islamischer Staat im Irak", die ihren Ursprung in Al-Kaida hatte. Ihr Chef, Abu Mussab al-Sarkawi, wurde 2006 von amerikanischen Soldaten in einem Haus in der Provinz Dijala erschossen. Der jetzige Gegner Abu Bakr al-Baghdadi war nach Syrien ausgewichen, als die irakische Bevölkerung ihm und seinen Killern die Unterstützung versagte und die Allianz der Stammesführer - Sahwa - sie mit Waffengewalt vertrieb. Vier Jahre lang meldeten Amerikaner und irakische Regierung gleichermaßen, Al-Kaida & Co seien im Irak besiegt. Sie sollten sich irren.