Bagdad/Washington. Nach dem rasanten Vormarsch von Islamisten im Irak ziehen die USA auch einen Militärschlag in Erwägung. "Ich schließe nichts aus", sagte Präsident Barack Obama am Donnerstag auf die Frage von Journalisten nach möglichen Luftschlägen. Ein Einsatz von Bodentruppen sei allerdings ausgeschlossen, erklärte das Präsidialamt. US-Außenminister John Kerry betonte, Obama sei in der Irak-Frage zu raschen Entscheidungen bereit. Obama sicherte der Regierung in Bagdad volle Unterstützung zu und betonte, Islamisten dürften weder im Irak noch in Syrien dauerhaft Rückhalt gewinnen.

Die Jihadisten des "Islamischen Staat im Irak und in der Levante" (Isis) standen unterdessen am Donnerstag nur noch 90 Kilometer vor den Toren Bagdads. Nachdem sie große Gebiete im Norden des Landes erobert hatten, rollten die japanischen Pick-ups der Gotteskrieger Richtung Süden.

Premier Nuri al-Maliki war fieberhaft bemüht, den Ausnahmezustand über das Land verhängen zu lassen und damit mehr Verfügungsgewalt zu erlangen. Umsonst. Der von den USA einst eingesetzte Schiit scheiterte, weil zu wenige Abgeordnete im Parlament erschienen, um den Beschluss überhaupt fassen zu können. Da halfen auch die Appelle des Präsidenten Jalal Talabani nichts.

Das Widerstreben der Mandatare zeigt einmal mehr auf, auf welch tönernen Füßen die Regierung Maliki steht. Das neue Gesetz hätte es dem Premier erlaubt, Armee, Nationalgarde, Polizei und Geheimdienste seinem direkten Kommando zu unterstellen, Ausgangssperren zu verhängen und Festnahmen anzuordnen.

"Macht euch bereit"

Stattdessen verlor die Regierung am Donnerstag die Kontrolle über über immer größere Teile des Landes. Die Islamisten drangen in die Stadt Dhoulouvia ein, ein Einwohner meldete laut Le Monde, dass auf den Straßen der Stadt keine Sicherheitskräfte auszunehmen waren.

"Legt eure Gürtel an und macht euch bereit", so ein Isis-Sprecher in einer Audiobotschaft. "Unser Ziel ist Bagdad. Dort wird es die Entscheidungsschlacht geben."

Die mit großem Aufwand von den USA trainierte und ausgerüstete irakische Armee präsentiert sich insgesamt in einem desolaten Zustand, das Land versinkt immer tiefer im Chaos: Schon im vergangenen Jahr waren laut UNO fast 8000 Zivilisten und mehr als tausend Sicherheitskräfte bei Anschlägen ums Leben gekommen, der erbitterte Konflikt der islamischen Gruppen hatte das Land schon während der US-Besatzungszeit an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht.