Bagdad. Seit Tagen nimmt die radikalislamische Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil/Isis) in einer Blitzoffensive eine irakische Stadt nach der anderen ein. Zog sich die Isis bis Ende des letzten Jahres nach überfallsartigen Angriffen immer wieder von den ihr angegriffenen Orten zurück, so hat sie nun offenbar ihre Taktik geändert. Es sei eine neue Entwicklung, dass die Isis nun auf den Aufbau von Langzeitstrukturen setze, sagte der Jihadismus-Experte und Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker zur Nachrichtenagentur APA. Isis hätte bereits in Syrien gezeigt, dass sie als Organisation in der Lage sei, "grundlegende Strukturen" zu schaffen.

Ob Isis momentan dazu in der Lage sei, ein Territorium im Irak langfristig zu besetzen, konnte der Experte nicht sagen. Klar ist aber, dass die Organisation weiter auf Gebietszugewinn setzt. Der Sprecher der sunnitischen Isis, Abu Muhammad al-Adnani, erklärte diese Woche die Städte Samarra, die Hauptstadt Bagdad, Kerbela sowie Najaf als nächste Ziele.

Diese Städte - die alle bedeutenden schiitischen Heiligtümer beheimaten - werden aber wohl nicht so leicht fallen, wie es Anfang der Woche Mossul im Nordirak tat. Sie liegen hinter mehreren Linien von irakischen Sicherheitskräften, schiitischen Milizen und iranischen Quds-Einheiten (Spezialbrigaden der iranischen Revolutionsgarde) und gehören damit zu den schwierigsten militärischen Zielen des Landes.

"Die Isis wird weiterhin versuchen, durch die Provokation einer schiitischen Antwort auf ihre Angriffe einen neuen Bürgerkrieg auszulösen", schreibt das Institute for the Study of War, ein US-Think-Tank in seinem neuesten Bericht zur Irak-Krise. Die Experten des Washingtoner Instituts sehen jedoch nicht etwa die Goldene Moschee in Samarra, an deren Zerstörung im Jahr 2006 sich schwere sektiererische Auseinandersetzungen entzündeten, als primär für die Isis an. "Ihr Hauptziel ist vermutlich der Sitz der irakischen Regierung in Bagdad", heißt es in dem Papier.

Ein erfolgreicher Angriff auf die sogenannte "Green Zone" im Herzen Bagdads, die das Gros der Regierungsgebäude beherbergt, sei zwar kein operativ gewinnbringendes Ziel wie etwa Militärbasen oder Gefängnisse, die für Nachschub an Waffen und Kämpfern sorgen. Dafür aber ein hochsymbolisches. "Wenn es die Isis schafft, mit Bodenkräften die ,Green Zone‘ anzugreifen, dann realisiert sie die vollständige Niederlage der irakischen Sicherheitskräfte."

Angriffe in den letzten Wochen, so der Bericht, ließen Rückschlüsse ziehen, dass die Isis offenbar systematisch Schwachstellen der Sicherheitskräfte rund um Bagdad getestet habe. Zudem gelang es der Isis, eine massive, gleichzeitige Serie von Autobomben in der Hauptstadt zu zünden - ein angesichts der extrem hohen Sicherheitsvorkehrungen in der Stadt hochkomplexes Unterfangen. Eine Attacke auf eines der schiitischen Heiligtümer in einer anderen Stadt könnte die Sicherheitskräfte von Bagdad weglocken. Sei ein Angriff gelungen, würde Bagdad zu nicht mehr als einer "Pufferzone für kleinere Angriffe über eine Demarkationslinie zwischen der Isis und dem Iran".

Erste Rückschlüsse darauf, was die Bewohner in den eroberten Gebieten erwartet, lassen im Norden des Landes verteilte Flugblätter ziehen. Frauen sollen Häuser nur verlassen, wenn unbedingt nötig. Dieben soll die Hand abgeschlagen werden, Alkohol und Rauchen sind verboten. Polizisten und Soldaten sollen ihrem bisherigen Leben abschwören. Denen, die der Aufforderung nicht Folge leisten, droht die Todesstrafe. Das Endziel sei die Wiederrichtung des islamischen Kalifats.