Bagdad. Offiziell verkauft die irakische Armee ihren Rückzug aus mehreren Orten im Norden und im Westen des Landes in den vergangenen Tagen als "taktische Maßnahme". Doch die Wortwahl eines hohen Offiziers konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Soldaten dem Vormarsch der Isis-Terrormilizen nur wenig entgegenzusetzen haben.

Die Einheiten der extremistischen Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) kontrollieren zusammen mit ihren einheimischen Verbündeten mittlerweile riesige Gebiete und wichtige strategische Punkte im Land. Am Dienstag soll es den Isis-Kämpfern auch gelungen sein, die größte irakische Ölraffinerie in Baiji vollständig einzunehmen. Die Anlage versorgt den gesamten Großraum um die Hauptstadt Bagdad mit Treibstoff.

Welchen Blutzoll der Vormarsch bereits gefordert hat, hat die UNO nun dokumentiert. Seit 5. Juni sind bereits mehr als tausend Menschen ums Leben gekommen. Laut Rupert Colville, dem Sprecher der UN-Hochkommissariats für Menschenrechte, waren knapp 80 Prozent davon Zivilisten. Immer wieder hatte die Isis in den eroberten Gebieten Massenexekutionen durchgeführt. Neben Soldaten und Polizeikräften wurden auch zahlreiche schiitische Zivilisten und Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten hingerichtet. In dutzenden Fällen wurde die Exekution gefilmt und das Videomaterial anschließend auf Internetplattformen veröffentlicht.

Kerry besucht Kurdengebiete

Angesichts des hohen Blutzolls und des scheinbar unaufhaltsamen Vormarschs der Isis haben die ersten US-Militärberater, die Washington zur Unterstützung der irakischen Regierung entsenden wollte, ihre Arbeit in dem Krisenland aufgenommen. Etwa 40 Militärs seien in der Hauptstadt Bagdad eingetroffen, teilte das Verteidigungsministerium in Washington am Dienstag mit.

Eine politische Lösung des Konflikts scheint allerdings mit jedem Tag weiter in die Ferne zu rücken. Als womöglich letzter Ausweg für den Irak gilt derzeit die Bildung einer Einheitsregierung, in der sich Sunniten und Kurden auf Augenhöhe mit den Schiiten fühlen. Nur zusammen könnten die drei großen Gruppen die Isis-Kämpfer zurückdrängen. Bei seinem Überraschungsbesuch in Bagdad hatte US-Außenminister John Kerry den schiitischen Regierungschef Nuri al-Maliki am Montag aufgefordert, ein Kabinett der nationalen Einheit zu bilden. Am Dienstag versuchte Kerry, die politischen Führer in den kurdischen Autonomiegebieten im Nordirak für diesen Plan zu gewinnen.

Allerdings weigern sich sunnitische, kurdische und auch schiitische Politiker, Maliki erneut zum Regierungschef zu wählen. Eine Einheitsregierung wäre wohl also nur bei einem Rücktritts Malikis möglich, einen solchen hat der Regierungschef bisher aber kategorisch ausgeschlossen.

Zudem drängen die Kurden, die im Nordirak weitgehende Autonomie genießen, immer vehementer auf einen eigenen Staat. So deutete der kurdische Präsident Massud Barsani am Montag in einem Interview mit dem US-Sender CNN an, bald die formelle Unabhängigkeit zu suchen. "Die Zeit ist reif, dass die Kurden ihre Zukunft bestimmen", sagte er.