Bagdad/Damaskus/Washington. Der Vormarsch der radikalen Terrorgruppe Isis führte zu einer Waffenbrüderschaft der neuen Art: Die syrische Luftwaffe hat in der vergangenen Woche über dem Irak Angriffe auf die sunnitischen Rebellen geflogen. Er habe zwar nicht darum gebeten, so der irakische Premier Nuri al-Maliki ganz pragmatisch, begrüße aber "jeden Schlag" gegen die Isis.

Dass es derartige Angriffe der syrischen Luftwaffe tatsächlich gegeben hat, ist durchaus realistisch: Die Armee Assads wird in Syrien von Isis bis aufs Blut bekämpft, die Terrororganisation hält große Teile beider Länder besetzt, die Grenze zwischen Syrien und dem Irak ist bedeutungslos geworden. Und Malikis Streitkräfte haben im Zuge der Konfrontation mit Isis völlig versagt. Assad weiß, dass die sunnitische Terrororganisation durch ihre Erfolge im Irak stärker und damit automatisch zu einer größeren Bedrohung in Syrien wird.

Neue Perspektiven für Assad

Überdies ist Assad geopolitisch in einer exzellenten Lage: Washington und London finden sich angesichts der Bedrohung der Region und des Westens plötzlich auf der gleichen Seite wie Damaskus. Experten wie der französische Historiker, Buchautor und Nahost-Experte Frédéric Pichon gehen davon aus, dass der Westen seine kritische Haltung gegenüber Assad - US-Präsident Barack Obama hat ihn einen Kriegsverbrecher genannt, nachdem bei einem Giftgasangriff in Syrien 1400 Menschen getötet worden waren - überdenken wird.

Die neuen Entwicklungen bergen freilich auch Risiken für Assad. Es ist davon auszugehen, dass mehrere tausend irakische Schiiten freiwillig in Syrien auf Assads Seite kämpfen. Die könnten, sollte Isis Bagdad direkt angreifen, den Kriegsschauplatz wechseln und große Lücken in Assads Reihen reißen. Dazu kommt, dass Isis durch ihre Erfolge im Irak auch in Syrien stärker - und damit zu einer größeren Bedrohung für Assad wird. Im Irak erbeutete schwere Waffen sind bereits in Syrien gesichtet worden, sie sind dort im Einsatz.

Unterdessen wird die militärische Lage für Premier Nuri al-Maliki immer aussichtsloser. Isis-Rebellen sind weiter in Richtung Bagdad vorgestoßen und haben die Stadt Mansurijat al-Dschabal eingenommen, die nur eine Stunde von der Hauptstadt entfernt liegt. In Tikrit, der Geburtsstadt Saddam Husseins, lieferten sich Islamisten und Soldaten heftige Kämpfe auf dem Universitätsgelände.

Indische Muslime bereit

Der Konflikt zieht in der islamischen Welt immer weitere Kreise: Zuletzt haben sich in Indien tausende Muslime zur Verteidigung der heiligen Stätten im Irak gemeldet. Sie haben Anmeldeformulare ausgefüllt, die sie an der irakischen Botschaft in Neu Delhi einreichen wollen.

Maliki strebt unterdessen nach eigener Aussage eine politische Lösung an, um die Krise im Irak Am Donnerstag übte der britische Außenminister William Hague in Bagdad Druck auf Maliki aus, auch gemäßigte Sunniten an der Macht zu beteiligen.