Bagdad. Die rund 40 Millionen Kurden im Mittleren Osten sind das größte Volk der Erde ohne einen eigenen Staat. Doch die dramatischen Ereignisse im Irak haben ihren Jahrhunderttraum jetzt in greifbare Nähe gerückt. Kurz bevor der irakische Kurdenführer Masud Barsani jetzt den amerikanischen Außenminister John Kerry in seiner Hauptstadt Erbil empfing, sagte er in einem CNN-Interview, dass die Teilung des Landes für ihn eine Tatsache sei: "Es ist Zeit für die Kurden, ihre Zukunft selbst zu bestimmen."

Barsani gilt als der erfahrenste Politiker der gesamten Region, er hat ausgesprochen, was kaum mehr zu ignorieren ist. Der Blitzkrieg der Isis-Rebellen hat im Irak seit dem 10. Juni ein atemberaubendes Momentum erzeugt - und die Gewinner der Veränderungen könnten die Kurden sein. Im Nordirak haben sie schon seit 2005 bewiesen, dass sie sich selbst regieren können. Ihre autonome Region hat ein eigenes Parlament, eine eigene Armee und ist eine prosperierende Insel der Stabilität in einem krisengeschüttelten Umfeld. Zur vollen staatlichen Souveränität fehlt nur noch die Hoheit über das Budget und die Außenpolitik. Als Barsani die Schwäche Bagdads nutzte und mit seinen Peschmerga-Truppen die symbolische Kurden-Hauptstadt Kirkuk mitsamt der umliegenden Ölfelder einnahm, hat er die nötigen Grundlagen dafür geschaffen. Wenn er jetzt noch die riesigen Ölfelder an die Pipeline ins türkische Ceyhan anschließt, ist Kurdistan finanziell unabhängig und lebensfähig.

Da die Amerikaner erkennbar kaum noch aktiv Einfluss auf die Entwicklung nehmen, stehen vor allem die sunnitische Türkei und der schiitische Iran nun vor der Frage, wie sie einem möglichen Kurdenstaat begegnen. Die rivalisierenden Regionalmächte haben zwar mehrfach erklärt, dass sie keine Teilung des Iraks wünschen. Der Iran sendet Kampfjets zur Unterstützung seines schiitischen Partners nach Bagdad und versetzt seine Truppen in Alarmbereitschaft. Doch die Hände des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan sind gelähmt durch die weltgrößte diplomatische Geiselkrise seit dem Sturm auf die US-Botschaft in Teheran 1979, da die Isis-Miliz in Mosul 80 türkische Diplomaten, Konsulatsmitarbeiter und Lastwagenfahrer gefangen nahm. Ankara kann nicht viel tun, braucht das aber auch nicht, denn noch finden die Kämpfe weit weg vom eigenen Territorium statt.

Trotzdem ist in der Türkei eine breite öffentliche Diskussion über die richtige Reaktion in Gang gekommen. Das Land teilt eine 880 Kilometer lange Grenze mit Syrien und 330 Kilometer mit dem Irak. Die Perspektive eines benachbarten Terrorstaates "Isistan" fürchtet Ankara ebenso wie die Besetzung der Grenzgebiete durch die schiitischen, vom Iran gestützten Regierungen in Bagdad und Damaskus. Viel hängt jetzt davon ab, ob der irakische Premier Nuri al-Maliki anfängt, die Gräben zwischen Schiiten und Sunniten zuzuschütten, anstatt sie stetig weiter zu vertiefen. Da andernfalls die Gefahr wächst, dass der Irak tatsächlich zerfällt, wird die Perspektive eines "kurdischen Puffers" in Ankara offenbar nicht mehr rundweg abgelehnt. Das ist der Hintergrund jener Aufsehen erregenden Wortmeldung des Erdogan-Vertrauten Hüseyin Celik, den Kurden stehe im Fall des "offiziellen Zerbrechens" des Iraks das Recht auf einen eigenen Staat zu.

Ein stabiler Kurdenstaat böte Ankara viele Vorteile. Der Nordirak ist jetzt schon der größte Abnehmer türkischer Exporte im Nahen Osten; das kurdische Öl kann die Türkei gut gebrauchen. Es wäre ein Deal ganz im Sinne Erdogans, denn der Kurdenstaat würde seine absolute Abhängigkeit von Bagdad gegen die von Ankara eintauschen, da er keinen Zugang zum Meer besitzt. Hinzu kommt, dass die irakischen Kurden wie die Türken überwiegend konservative Sunniten sind. Die Gretchenfrage ist deshalb nicht, ob die Türkei den Prozess kurdischer Staatsbildung weiter toleriert, sondern wieweit sie bereit ist, die Kurden dabei aktiv zu unterstützen. Im Chaos der Bürgerkriege hat die Türkei mit dem kurdischen Puffer eine Option, die Frieden und Stabilität verheißt, auch wenn der Preis dafür mehr Autonomie für die Kurden im eigenen Land sein wird.