Tel Aviv/Gaza/Wien. (gö/apa) Israel und die Hamas im Gazastreifen liefern sich einen regelrechten Luftkrieg. Allein in der Nacht auf Mittwoch schlugen 270 israelische Raketen im Gazastreifen ein, seit Beginn der Militäroffensive wurden insgesamt bereits 560 Ziele angegriffen. Die militante Palästinensergruppe feuerte ihrerseits280 Raketen auf israelisches Gebiet ab, ins Visier nahm sie dabei erstmals seit 2012 auch Großstädte wie Tel Aviv oder Jerusalem. Selbst die 120 Kilometer entfernte Küstenstadt Khadera wurde beschossen. Rund 50 Geschosse konnte die israelische Raketenabwehr abgefangen.

Mit der Zahl der Angriffe steigt auch der Blutzoll: 40 Todesopferzählten die Palästinenser im Gazastreifen bis Mittwochabend. Auch Berichte über zivile Opfer, darunter Frauen und Kinder, mehren sich. Bei einem Luftschlag wurde laut palästinensischen Angaben eine fünfköpfige Familie getötet.

Israel will mit der in der Nacht zum Dienstag gestarteten Offensive den ständigen Raketenbeschuss seiner Städte unterbinden. Insgesamt seien rund vier der acht Millionen Menschen in Israel durch Raketen aus dem Gazastreifen bedroht, sagte ein Armeesprecher. Berichte über Opfer in Israel gab es bisher nicht."Wir haben entschieden, die Angriffe auf die Hamas und andere Terrororganisationen in Gaza noch weiter zu verstärken." Die Armee sei "auf alle Möglichkeiten vorbereitet", meinte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.

EU und USA warnten hingegen vor einer weiteren Eskalation der Gewalt und forderten die Konfliktparteien zur Mäßigung auf. Ziel müsse eine Waffenruhe sein. Vor einer weiteren Radikalisierung von Israelis und Palästinensernwarnt auch der bekannte israelische Historiker und Publizist Tom Segev. Schon seit Jahren beobachte er mit wachsender Sorge, "dass es in beiden Gesellschaften sehr legitim geworden ist zu hassen", sagte Segev im Deutschlandradio Kultur. Chancen für einen Frieden sieht er aber sehr pessimistisch. Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern unter US-Vermittlung waren im April gescheitert.

"Wir brauchen diese Krise nicht", sagte Zvi Haifetz, der israelische Botschafter zur "Wiener Zeitung". Allerdings verteidigt er die Entschlossenheit Israels, gegen die Aggression der Hamas vorzugehen. "Was würde wohl Wien tun, wenn Eisenstadt mit Raketen beschossen werden würde?", fragt er rhetorisch. "Das ist wohl inakzeptabel." Das harte Vorgehen der israelischen Luftwaffe ist allerdings auch Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit. "Die Hamas verfügt nun wieder über Raketen mit längerer Reichweite, die auch den Norden Israels bedrohen", so Haifetz.

Die israelische Armee versucht nun, Waffenlager und Produktionsstätten zu bombardieren, hat dabei aber - so Botschaftskreise - ein Problem. "Wir wissen, dass die Palästinenser Waffen in Spitäler, Schulen und Einkaufszentren lagern. Wir können nicht Spitäler bombardieren, das wäre ja barbarisch", sagte einer.

Reines politisches Kalkül

Auch in Israel wird angenommen, dass Hamas die Eskalation herbeiführte, um sich wieder ins Spiel zu bringen. Die radikale Palästinenser-Organisation hat zuletzt im Gazastreifen deutlich an Einfluss (und finanzieller Unterstützung aus arabischen Kreisen) verloren. Mit der Ermordung der drei israelischen Jugendlichen und dem Raketenbeschuss Tel-Avivs und Jerusalems will sie verlorenes Terrain aufholen. Man sei bereit, die Gewalt zu stoppen, wenn Israel die Gaza-Offensive beendet, sagte ein Hamas-Sprecher, ohne darauf einzugehen, wer mit der Gewalt begonnen hat.

"Ja, aber was sollen wir tun?", fragt ein israelischer Offizieller, der namentlich nicht genannt werden wollte. "Wenn Slowenien innenpolitische Probleme hat und deswegen Raketen auf Graz abfeuert, würde das Österreich ja auch nicht hinnehmen können. Das muss aufhören."

Botschafter Haifetz würde sich von der EU mehr Unterstützung erwarten. "Bisher sind die Statements sehr balanciert, alle Seiten werden zum Gewaltverzicht aufgefordert. Das ist nicht fair, so auf eine Eskalation zu reagieren."