Juba/Wien. Zumindest der Schein sollte gewahrt werden. Mit traditionellen Tänzen, Gruppen von Trommlern und einer kleiner Militärparade beging der Südsudan am Mittwoch den dritten Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Doch anders als 2011, als tausende Menschen in der Hauptstadt Juba bis spät in die Nacht die Geburt des jüngsten Staates auf diesem Planeten feierten, gab es diesmal keinen Grund für Ausgelassenheit.

Der Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir und seinem ehemaligen Stellvertreter Riek Machar, der in den vergangenen Monaten ohne Rücksicht auf Verluste ausgetragen wurde, hat das knapp elf Millionen Einwohner zählende Land in den Abgrund gestürzt. Seit Dezember kamen bei Gefechten zwischen der Armee und den mit Machar sympathisierenden Rebellengruppen mehr als 10.000 Menschen ums Leben. Knapp einhalb Millionen Südsudanesen wurden durch den auch entlang ethnischer Trennlinien verlaufenden Konflikt - Kiir gehört der Volksgruppe der Dinka an, Machar ist Nuer - vertrieben. Die Ölproduktion, auf der angesichts der gewaltigen Lagerstätten viele Hoffnungen ruhten, ist um ein Drittel gesunken. Und in der Landwirtschaft liegen wegen der Kämpfe viele Felder brach, die aufgrund der herannahenden Regenzeit auch nicht mehr rechtzeitig für die Winterernte bestellt werden können. Hilfsorganisationen warnen bereits vor einer Hungersnot, die zehntausende Menschen das Leben kosten könnte.

"Bilder, die man nicht vergisst"

Die vielen Reden, mit denen im Umfeld des Unabhängigkeitstages an die nationale Einheit appelliert wurde, können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich an der Lage im Südsudan allzu schnell nichts ändern dürfte. Die Anfang Mai zwischen Regierung und Rebellen vereinbarte Waffenruhe - die dritte seit Beginn der Kämpfe - ist mehr als brüchig. Und an die unter Vermittlung des ostafrikanischen Staatenbundes IGAD vereinbarte Einheitsregierung, die bis zum 10. August gebildet werden soll, glauben mittlerweile nur noch die wenigsten im Südsudan.

Wie verfahren die Lage im Land ist und zu welchen Mitteln die Konfliktparteien zu greifen bereit sind, zeigt sich dabei im Umgang mit den Schwächsten und Verwundbarsten. Laut der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen wurden zwischen Dezember und Juni in den Krankenhäusern des Landes 58 Menschen getötet. "Diese Menschen wurden entweder direkt in ihrem Spitalsbett ermordet oder auf die Straße gezerrt und dann dort hingerichtet", berichte Mario Thaler von Ärzte ohne Grenzen, der soeben von einem vierwöchigen Aufenthalt im Südsudan zurückgekehrt ist. "Das sind Bilder, die man lange nicht vergisst." Wie wenig Respekt es für das humanitäre Völkerrecht gibt, zeigt aber nicht nur die Ermordung von Patienten. In den vergangenen Monaten wurden sechs Krankenhäuser geplündert und danach in Brand gesteckt, 17 Ambulanzfahrzeuge wurden ebenfalls zerstört.

Die Angriffe treffen ein ohnehin schon darniederliegendes Gesundheitssystem. 107 von tausend Kindern erreichen im Südsudan das fünfte Lebensjahr nicht, neben der Dauerbedrohung Malaria kämpft das Land seit kurzem auch mit einer Cholera-Epidemie und einem Hepatitis-E-Ausbruch. Selbst in jenen Krankenhäusern, die vergleichsweise gut ausgestattet sind, warten die Menschen heute oft vergeblich auf Hilfe. Denn im Zuge des Konflikts sind auch viele lokale Ärzte aus Angst vor ethnisch motivierten Übergriffen geflohen. Die Lücke können auch Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen nur bedingt schließen, denn aufgrund der angespannten Sicherheitslage gibt es häufig keinen Zugang zu bestimmten Regionen, zugleich fehlt es auch an Freiwilligen, die in den Südsudan gehen wollen.

Wie der Konflikt, von dem NGOs befürchten, er könnte zu einem zweiten Ruanda werden, gelöst werden kann, scheint angesichts der derzeitigen Lage unklarer denn je. Westliche Diplomaten attestieren weder Kiir noch Machar echte Friedensambitionen, und auch die internationale Gemeinschaft zeigt sich bisher eher zögerlich. Es fließen zwar hunderte Millionen an Hilfsgeldern ins Land, bis eine schlagkräftige UN-Truppe steht, dürften aber noch Monate vergehen.