"Wiener Zeitung": Was bedeuten die Attentate auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" für die Pressefreiheit?

Antoine Héry: Unser Leitmotiv ist es zu sagen, dass diese Angriffe keine Auswirkungen auf die Pressefreiheit haben werden. Es gibt derzeit eine nie dagewesene Solidaritätsbekundung zwischen Medien und Bevölkerung. Die Medien scheinen klar entschlossen zu sein, die ihnen übertragene Verantwortung zu übernehmen und von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen; so wie sie es bereits getan haben, nur ab jetzt auch im Namen jener acht Journalisten, die getötet wurden, weil sie ihrer Meinungsfreiheit Ausdruck verliehen haben.

Besteht nicht die Gefahr, dass es zu Selbstzensur kommt, dass Journalisten aufgrund dieser Gewalt ab jetzt viel vorsichtiger dabei sein werden, Grenzen auszuloten?

Das Risiko besteht natürlich. Deshalb haben wir auch die französischen und internationalen Medien dazu aufgerufen, die Karikaturen von "Charlie Hebdo" zu veröffentlichen, speziell jene des Propheten Mohammed von 2007, wegen derer die Zeitschrift angeklagt und freigesprochen wurde. Damit tritt man auch diesem System der Angst entgegen, denn in dem Moment, in dem sie alle veröffentlichen, wird auch die Bedrohung auf eine gewisse Art neutralisiert.

Sind die Zeitungen diesem Aufruf gefolgt?

Das ist schwer zu sagen. Viele haben sie veröffentlicht, aber das war jetzt nicht zwangsläufig wegen unseres Aufrufs. Grundsätzlich haben wir uns gewünscht, dass auch die internationalen Zeitungen die Karikaturen veröffentlichen. Vor allem in der angelsächsischen Welt ist es extrem schwierig, derartige Karikaturen zu veröffentlichen. Was uns schon überrascht hat, ist, dass sie die "Washington Post" unzensuriert veröffentlicht hat. Das haben viele nicht gewagt. Dann gibt es andererseits Länder wie Deutschland, die eine herzerwärmende Solidarität an den Tag legen. Zeitungen haben dort teilweise 60 der Karikaturen von "Charlie Hebdo" veröffentlicht.

Wie ist es in Europa generell um die Pressefreiheit bestellt? Gibt es da noch schwarze Flecken?

Da gibt es natürlich Länder wie Russland und Weißrussland oder auch die Türkei, die das weltweite Schlusslicht bilden. Das sind Länder, die dann teilweise auch zu regionalen Modellen geworden sind und ihre Nachbarstaaten beeinflussen. Im Falle Russlands erstreckt sich die Einschränkung der Pressefreiheit auch auf die Ukraine und die Krim, aber auch auf die baltischen Staaten, die eine bedeutende russischsprachige Minderheit haben - die sehen sich auf einmal mit russischer Propaganda konfrontiert. Dann gibt es aber auch Länder im Herzen Europas wie Griechenland und Bulgarien, die große Defizite haben. Die belegen im weltweiten Ranking den 90. beziehungsweise 100. Platz. Es gibt nach wie vor die leuchtenden Vorbilder wie Deutschland, die nordischen Staaten oder die Niederlande, aber generell hat sich die Lage in Europa in den letzten Jahren verschlechtert. Nehmen Sie Ungarn: Das Land steht geradezu exemplarisch für die Orientierung nach Osten hin zum russischen Vorbild. Seit 2010 gibt es unter Premierminister Viktor Orban nach und nach Maßnahmen und Gesetze zur Einschränkung der Pressefreiheit.