Erbil. 73 Genozide haben die Jesiden in ihrer Geschichte bereits erlitten, schon seit Anbeginn der Zeit waren sie verfolgt. Nun haben die Kämpfer von ISIS (Islamischer Staat im Irak und Syrien oder Daisch, wie sie auf Arabisch genannt werden) die Jesiden aus der Gegend um Mosul und dem Sinjar-Gebirge Richtung Norden vertrieben, haben in Jesiden-Siedlungen die Männer ermordet und die Frauen vergewaltigt. Hunderttausende sind auf der Flucht.

Doch wer sind die Jesiden? Im Nordirak leben rund 500.000 Anhänger dieser Religion, sie sprechen Kurdisch, glauben an einen Gott, verehren aber auch Tawusî Melek, einen Engel in Pfauenform, der zwischenzeitlich bei Gott in Ungnade gefallen war. Aus der Verehrung dieser Figur, in der so manche Muslime eine Ähnlichkeit zum islamischen Teufel Iblis erkennen, lässt sich das Missverständnis zurückführen, dass die Jesiden immer wieder als Teufelsanbeter verunglimpft werden. Dabei ist den Jesiden das Konzept des Teufels, des Bösen, fremd, nur der Mensch, glauben die Jesiden, kein höheres Wesen würde Böses tun.

Die Jesiden werden auch deshalb von Daisch (ISIS) terrorisiert, weil sie in der Region keine Verbündeten haben: Während den bedrängten Kurden in Syrien Kurden aus dem Nordirak zu Hilfe geeilt sind, den Kurden im Nordirak schlagkräftige Peschmerga-Einheiten zur Verfügung stehen und die Schiiten die größte, mächtigste Volksgruppe im Irak stellen, stehen die Jesiden (ebenso wie die Christen und die Schabak) völlig alleine da.

Das Jesidenheiligtum in Lalisch wird von kurdischen Peschmerga bewacht, die Jesiden werden von den Daisch/ISIS-Kämpfern von ihrem Land vertrieben. - © Thomas Seifert
Das Jesidenheiligtum in Lalisch wird von kurdischen Peschmerga bewacht, die Jesiden werden von den Daisch/ISIS-Kämpfern von ihrem Land vertrieben. - © Thomas Seifert

Die Tragödie der Jesiden spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab: Sie fürchten, aus jenem Territorium vertrieben zu werden, in dem sie seit Generationen siedeln und vielleicht sogar eines Tages aus der Gegend rund um ihr größtes Heiligtum, dem Tempel in Lalisch, flüchten zu müssen. Das wäre so, sagt ein Jesidenvertreter, als müssten die Katholiken aus Rom oder die Juden aus Jerusalem fliehen. Was droht, sei nichts weniger als die Auslöschung der jahrhundertelangen jesidischen Kultur und Tradition, sagt er.

Die zweite Ebene dieser Tragödie ist das individuelle, persönliche Schicksal einzelner Jesiden. Ihr Besitz wurde geplündert, Jesiden wurden Opfer von Massakern, jesidische Frauen wurden verschleppt und vergewaltigt.

In einem Hotel in Dohuk erzählen zwei junge Frauen, die aus der Gewalt von Daisch/ISIS flüchten konnten, über ihr Schicksal: Nennen wir sie Evelyn (22 Jahre) und Sophie (17 Jahre).

Sie erzählen einer vom österreichischen Sozialdemokraten Josef Weidenholzer angeführten Delegation von Europaparlamentariern von ihrem Martyrium, die Parlamentarier (neben Weidenholzer sind Parlamentarierinnen aus Portugal, Deutschland und den Niederlanden mitgereist) protokollieren, was die jungen Frauen berichten. Eines Tages, so die Hoffnung der jungen Frauen, werden ihre Peiniger zur Verantwortung gezogen.

Die jungen Frauen sprechen davon, wie sie im Dorf Kojo von ihren Familien getrennt und nach Mosul (die Stadt wird von Daisch/ISIS kontrolliert) gebracht worden sind. In Privatwohnungen seien Gruppen von fünf bis zwölf junge Frauen gefangen gehalten worden, manche der Mädchen seien erst 10 oder 12 Jahre alt gewesen. Anfangs umschreiben die jungen Frauen das, was ihnen widerfahren ist noch damit, dass sie "gepeinigt" wurden, oder "gefoltert". Später dann nennen sie die Dinge beim Namen: Wie Vieh hätten die Kämpfer sie untereinander verschachert, wie Sklavinnen gehalten und ja, man habe ihnen Gewalt angetan. "Sie haben mich vergewaltigt", klagen die jungen Frauen an.

Sophies Märtyrium

Sophie, 17 Jahre, wurde von einem Mann aus Tal Afar gefangengehalten, erzählt sie, dann wurde sie nach Mosul gebracht, wo sie mit drei anderen jungen, aus der Sinjar-Region stammenden Jesidi-Frauen in eine Wohnung gesperrt wurde. "Die Daisch-Leute haben mich jeden Tag zwei Mal vergewaltigt", berichtet sie, "sie haben alles mit uns gemacht." Sophie erzählt, wie die jungen Frauen gezwungen wurden, zum Islam zu konvertieren, wie man sie gedrängt hat, in Richtung Mekka zu beten. Schließlich seien sie für 600 Dollar verkauft und vor einem Scharia-Gericht zwangsverheiratet worden. All das sagt die 17-Jährige, als ginge es bei ihren Erzählungen nicht um sie selbst, sie erzählt es so, als berichte sie aus einem anderen Leben, aus einer anderen Zeit.

Am Lebendigsten sind Sophie die Umstände ihrer Flucht in Erinnerung: Wie sie an ein altes Mobiltelefon gekommen ist, eine Sim-Karte organisieren und Verwandte in Kurdistan erreichen konnte, die dann einen Taxi-Fahrer in Mosul fanden, der bereit war, die junge Frau aus der Stadt zu schmuggeln. Wie sie sich in einer langen, schwarzen Abaja-Umhang aus dem Haus geschlichen hat, die Hauptstraße entlang gelaufen ist und sich bis zum Morgengrauen in einem Rohbau versteckt hat. Wie sie den Taxifahrer per SMS kontaktiert, er sie abgeholt und einem anderen Menschenschmuggler übergeben hat, der Sophie schließlich zum irakisch-türkischen Checkpoint gebracht hat. Zwei Stunden sei Sophie dann durch die Nacht gestolpert, bis sie in der Türkei in Sicherheit war. 1500 Dollar habe ihr Bruder für ihre Rettung bezahlt, berichtet Sophie.