Seoul. Shin Dong-hyuk war das Aushängeschild aller nordkoreanischen Flüchtlinge. Ein junger Mann mit sanfter Stimme und verträumten Augen, der von Dingen erzählte, die so grausam anmuten, dass sie jegliche Vorstellungskraft übersteigen: Gefängniswächter ließen seinen Körper an einem Metallhaken baumeln und über einer offenen Feuerstelle schmoren. Sie schnitten eine Fingerkuppe ab und zwangen ihn dazu, die Hinrichtung seiner Mutter und seines Bruders mit anzusehen.

Dass wir von diesen Geschichten wissen, grenzt bereits an ein Wunder. Als einziger Häftling überhaupt konnte Shin aus einem der politischen Arbeitslager flüchten, um schließlich von seiner Wahlheimat Südkorea aus der ganzen Welt davon zu berichten. Er schrieb seine Memoiren mit einem Journalisten nieder und verkaufte Millionen von Büchern in 27 Sprachen. Der 32-Jährige bestimmte maßgeblich, wie wir über Nordkorea denken. Nun stellt sich heraus, dass er essenzielle Teile seiner Biografie erfunden hat.

Alles anders

Tatsächlich hat Shin bereits das Lager im Alter von sechs Jahren mit seiner Mutter und seinem Bruder verlassen. Sie wurden in ein weniger strenges Lager gesteckt, aus dem er zweimal geflohen sei. Beide Male sei er gefasst wurden, das zweite Mal, als er es bereits über die Grenze nach China geschafft habe. Die Folter, die er in seinem Buch beschreibt, sei tatsächlich so passiert, aber erst sieben Jahre später als ursprünglich berichtet und aus anderen Gründen.

"Es macht mich sauer, dass Shin gelogen hat, nur um mehr Aufmerksamkeit und Mitleid zu bekommen", sagt Choi Yeong-ok. Die 47-jährige Nordkoreanerin konnte bereits 1998 aus ihrem Heimatland flüchten und lebt seit über acht Jahren in Südkorea. "Viele Leute auf der ganzen Welt könnten nun denken, dass Nordkoreaner allesamt Lügner sind", befürchtet Choi. Viele ihrer Landsleute haben in Südkorea schon ohnehin mit weitverbreiteten Vorurteilen zu kämpfen: Manche behaupten, dass sie ganz gewöhnliche Kriminelle seien, die aus ihrem Land flohen, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Andere vermuten öffentlich, dass sie Spione für das Kim-Regime sein könnten.

Für viele Nordkorea-Experten kommt Shins Lügengeständnis wenig überraschend. Auch Christopher Green, Redakteur beim Fachmedium "Daily NK", hat länger schon diesbezügliche Gerüchte gehört. "Auch wenn weite Teile von Shins Biografie weiterhin unangetastet bleiben, untergraben die Lügen doch seine gesamten Aussagen und machen sie vor Gericht unverwertbar", sagt Green.

Übertreibungen die Regel

Vielen nordkoreanischen Flüchtlingen fällt es schwer, in ihrer Wahlheimat Südkorea eine unabhängige wirtschaftliche Existenz aufzubauen - nicht zuletzt, weil wenige Arbeitgeber bereit sind, ihnen Stellen zu geben. Einige bestreiten ihren Lebensunterhalt damit, vor Journalisten und auf Konferenzen ihre Leidensgeschichten zu erzählen. Meist stehen sie unter der Ägide von NGOs, die sie beraten, wie sie ihre Erfahrungen möglichst medienwirksam präsentieren. Einige von ihnen haben eine klare politische Agenda, manche auch dubiose Sponsoren.

Dass es dabei zu Übertreibungen von nordkoreanischen Flüchtlingen kommen kann, zumal die Fakten nicht gecheckt werden können, ist ein offenes Geheimnis. Hinzu kommt, dass die meisten Nordkoreaner schwerst traumatisiert sind und dementsprechend ihre Wahrnehmung subjektiv gefärbt. "Ihre Berichte sollten nicht als Zeugenaussagen gewertet, sondern eher als Erfahrungsberichte betrachtet werden", sagt etwa der ehemalige Menschenrechtsaktivist Kim Eun-yeoung in einem Interview mit dem "Wall Street Journal".

Bereits im Herbst hat das nordkoreanische Staatsfernsehen ein Video veröffentlicht, dass Shin Dong-hyuks Aussagen diskreditieren soll. In dem Film ist Shins Vater zu sehen, der behauptet, sein Sohn habe niemals in einem Gefangenenlager gelebt. Stattdessen wurde er bezichtigt, ein damals 13-jähriges Mädchen in seinem Heimatort vergewaltigt zu haben. Die Aussagen der Interviewten könnten erzwungen worden sein, das Video wird allgemein als Propaganda des Regimes gewertet, um einen seiner größten Gegner im Ausland zu diffamieren. Seit Sonntag muss sich jedoch auch Shin Dong-hyuk den Vorwurf gefallen lassen, dass er ebenso Propaganda betrieben hat.

"Meine letzten Worte"

Das ist insofern heikel, als er beim Kampf gegen die Menschenrechtsverletzungen Nordkoreas eine Kronzeugenrolle eingenommen hat. Die jüngste Untersuchungskommission der UN, für die Shin Dong-hyuk ebenfalls ausgesagt hat, steht jedoch nicht in Gefahr. In jahrelanger Recherche wurden unter der Leitung des Indonesiers Marzuki Darusman über 80 Zeugenaussagen gesammelt und 240 vertrauliche Interviews geführt.

Shin selbst begründete seine Lügen damit, dass er ein paar Details seiner Geschichte, die er für unwesentlich befunden hat, geändert habe, um nicht die schmerzhaften Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. "Jeder von uns hat Geschichten, die wir gerne verheimlichen würden", schrieb der nordkoreanische Flüchtling am Sonntag reichlich pathetisch auf seiner Facebook-Seite: "Unter diesen Umständen bin ich möglicherweise nicht mehr imstande, meinen Kampf weiterzuführen. (. . . ) Dies sind meine letzten Worte."