Kolumbien ist seit Jahren in zwei große politische Blöcke gespalten: die Anhänger des rechtsautoritären Expräsidenten Uribe und die Mitte-Rechts-Koalition der Regierung Santos. Uribe kann auf die Unterstützung der Agraroligarchie, des rechten Flügels der staatlichen Sicherheitskräfte sowie lokaler und regionaler Seilschaften zählen, die nicht selten in kriminelle Machenschaften verstrickt sind. Santos hingegen ist der Vertreter des (neo-)liberalen Establishments und der modernisierenden Bourgeoisie, die aus wirtschaftlichen Gründen den seit einem halben Jahrhundert andauernden bewaffneten Konflikt enden wollen. Dieser hat in diesem Zeitraum mehr als 200.000 Todesopfer gefordert, 80 Prozent davon aus den Reihen der Zivilbevölkerung. Der Großteil davon geht auf das Konto der rechtsextremen militärischen Verbände. An zweiter Stelle der Täter steht die Guerilla und an dritter Stelle die staatlichen Sicherheitskräfte, die häufig mit den Paramilitärs zusammenarbeiten.

Der immer noch politisch sehr einflussreiche heutige Senator Uribe - er ist in den sozialen Medien äußerst präsent - ging sofort nach der Rückkehr der Ex-Geheimdienstchefin zum Angriff über. Er beschuldigte die Santos-Regierung der politischen Verfolgung des Uribe-Lagers. Dabei unterstütze die Generalstaatsanwaltschaft, die höchste Anklagebehörde des Landes, den Präsidenten, ebenso wie die "extreme Linke" und die Farc-Guerilla.

Trotz dieser haarsträubenden Argumentation schafft es Uribe immer noch, von einem großen Teil der Bevölkerung und der Medien ernst genommen zu werden. Die Wut auf die Staatsanwaltschaft beruht darauf, dass diese Pilar del Hurtado im Fall einer lückenlosen Aufklärung des Falls Strafnachlass zugesichert hatte. In einer ersten Reaktion lehnte die prominente Untersuchungsgefangene das Angebot jedoch ab. Sie wolle zuerst den Ausgang des Prozesses abwarten. Der ehemaligen DAS-Chefin drohen bis zu 22 Jahre Haft.

Strohmann-Kandidat

Ein weiterer Skandal steht in Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen 2014. Da Uribe selbst nicht mehr antreten durfte, ernannte er einen Strohmann aus seiner neu gegründeten Partei Centro Democrático, Oscar Ivan Zuluaga, zum Kandidaten. Im Rahmen von Zuluagas Kampagne wurde der Hacker Andrés Sepúlveda angeheuert, um belastendes Material über andere Kandidaten und über den Friedensprozess - einem roten Tuch für Uribe - zu sammeln. Später gab der Schatzmeister der Wahlkampagne Zuluagas irreguläre Geldflüsse an David Zuluaga, den Sohn des Uribe-Kandidaten, zu. Nun griff die Staatsanwaltschaft ein. Sepúlveda wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen Spionage, da er vom militärischen Geheimdienst Informationen abgekauft hatte. In der vorletzten Jännerwoche lud die Staatsanwaltschaft David Zuluaga und Luis Alfonso Hoyos, den "Spirituellen Wahlkampfberater" (so seine Funktionsbezeichnung) zur Einvernahme ein - wobei Letzterer sich bereits ins Ausland abgesetzt hatte und nicht erschien. Der Fortgang des politisch heiklen Prozesses wird in der kolumbianischer Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und vertieft den Graben zwischen den beiden Lagern des Establishments weiter.

Die Festnahme von Uribes Geheimdienstchefin María del Pilar Hurtado und die Turbulenzen um seinen Präsidentschaftskandidaten Oscar Zuluaga haben den ehemaligen Staatschef zu einem bewährten Mittel greifen lassen: bei Problemen in den Angriff übergehen. Die Uribe-Partei Centro Democrático hat in der ersten Februarwoche beim UN-Menschenrechtsrat in Genf Anklage gegen die Regierung wegen "Verletzung der Rechte politischer Partizipation, darunter die Meinungs- und Versammlungsfreiheit", erhoben. Uribe selbst flog am 10. Februar nach Washington, um dort vor verschiedenen Foren die angebliche politische Verfolgung durch die Regierung Santos anzuklagen. Die Antwort des Präsidenten ließ nicht lange auf sich warten. Bei einer Ansprache vor dem Journalistenverband in der Hauptstadt Bogotá katalogisierte er das Uribe-Lager als "rechtsextrem", das "faschistische Taktiken" verwende: "Sie lügen, lügen, lügen - und davon bleibt eben immer etwas hängen".