Jerusalem. (apa/afp) "Ihr werdet Regierungschefs bekommen, die sich beim kleinsten Druck flach auf den Boden werfen", warnte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der um seine dritte Amtszeit in Folge und die vierte insgesamt kämpft. Als Beispiele nannte Netanjahu einen Rückzug aus den besetzten Palästinenser-Gebieten, die Teilung Jerusalems und die laufenden Atomverhandlungen mit dem Iran.

"Die Sicherheit des Landes ist in großer Gefahr, weil unsere Wahlniederlage jetzt eine reelle Möglichkeit ist", erklärte Netanjahu uin einem Interview mit der Tageszeitung "Jerusalem Post", die fünf Tage vor den Knesset-Wahlen Auszüge daraus veröffentlichte.

Netanjahus Aussagen sind ein Zeichen seiner zunehmenden Nervosität: Er hat am Donnerstag seine mögliche Abwahl bei den Parlamentswahlen am kommenden Dienstag eingeräumt. Zugleich warnte er, sein potenzieller Nachfolger Isaac Herzog von der Arbeitspartei werde "an allen außenpolitischen Fronten" kapitulieren.

In allen Wahlumfragen war diese Woche Netanjahus rechtsgerichtete Likud-Partei zurückgefallen gegenüber der Zionistischen Union, einer Listenverbindung aus Herzogs gemäßigt linker Arbeitspartei und der zentristischen Hatnua (Die Bewegung) von Ex-Außen- und Justizministerin Tzipi Livni. "Wenn dieser Abstand weiter wächst, stehen Herzog und Livni in einer Woche als Ministerpräsidenten fest, die sich mit Unterstützung der arabischen Parteien im Amt abwechseln", sagte Netanjahu.

Der aktuelle Oppositionschef und die im Dezember von Netanjahu entlassene Justizministerin Livni hatten sich bei ihrem Zusammenschluss auf eine Rotation nach zwei Jahren verständigt. Die "Jerusalem Post" veröffentlichte auch eine Reaktion Livnis, die Netanjahu der Panikmache bezichtigte. "Ein Führer sollte seinem Volk nicht Angst machen, sondern Entscheidungen treffen und mit Bedrohungen umgehen können", sagte sie vor Studenten an der Universität von Haifa.

Eine am Donnerstag von der linksliberalen Tageszeitung "Haaretz" veröffentlichte Umfrage sagt der Zionistischen Union 24 Knessetmandate voraus, während der Likud nur auf 21 Sitze käme. Drittstärkste Fraktion würde die gemeinsame Liste der arabischen Gruppierungen mit 13 Abgeordneten. Kein Lager hat aber eine klare Mehrheit. Die vorhergesagten Ergebnisse könnten aber bedeuten, dass zuerst Herzog von Staatspräsident Reuven Rivlin mit dem Versuch einer Koalitionsbildung beauftragt wird. Der Präsident kann zuerst den Führer der stimmenstärksten Fraktion mit der Regierungsbildung beauftragen, muss das aber nicht. Er könnte sich auch für den Führer einer anderen Fraktion entscheiden, wenn dieser eine Mehrheit von mindestens 61 der 120 Abgeordneten hinter sich versammelt hat.