Bagdad. Die Empörung war groß, als die damals noch Isis genannte Terrormiliz "Islamischer Staat" Videos und Fotos veröffentlichte, auf denen Massenerschießungen von irakischen Soldaten in Tikrit zu sehen waren. Männer in Trainingsanzügen kauerten auf einem Lastwagen, daneben ein schwarz vermummter Dschihadist mit dem Gewehr im Anschlag. Oder ein frisch ausgehobenes Grab, in dem dutzende Uniformierte niederknien und von hinten erschossen werden. Es war Ende Juni 2014. Isis hatte gerade den Norden Iraks überrollt und die Städte Mossul und Tikrit - Saddam Husseins Heimatstadt - unter seine Kontrolle gebracht. Nahezu ungefiltert nahmen die Medien in aller Welt die Bilder auf und trugen so zum Mythos der Mörderbande bei, die sich fortan mit immer grausameren Taten brüstete. Mittlerweile gelten die damaligen Bilder aus Tikrit als nahezu harmlos.

Dass nicht alle gefälscht waren, wie zeitweise vermutet wurde, zeigen die Massengräber, die jetzt, nach der Rückeroberung der Stadt, nach und nach gefunden werden. Von elf bis 14 Gräbern ist die Rede. Die irakischen Behörden gehen davon aus, dass es sich bei den Toten um Opfer des Massakers vom Militärstützpunkt "Spiker" handelt. Dort waren 1700 Rekruten, als Isis das Lager stürmte und ein Gemetzel anrichtete. Ob die Propaganda der Mörderbande, alle 1700 getötet zu haben, stimmt, sollen DNA-Untersuchungen nun feststellen. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch schätzt die Zahl der getöteten Soldaten auf 560 bis 770. Sie stützt ihre Angaben auf Satellitenbilder und Zeugenaussagen von Überlebenden.

Wie am Plaza del Majo in Argentinien hielten sonntags in Bagdad Mütter, Schwestern und Frauen Fotos der vermissten Angehöriger hoch und fragten nach deren Verbleib. Diese verschwanden alle im Militärausbildungslager "Spiker" bei Tikrit. Wehklagen über die Untätigkeit der irakischen Behörden wechselten sich ab mit Verzweiflung über die Ungewissheit. Manchmal ließen die Sicherheitskräfte die Demonstranten gewähren, manchmal wurden diese gewaltsam auseinandergetrieben. Doch die "Spiker-Demo" wurde zum festen Bestandteil Bagdads. Der Druck auf die Regierung wuchs. Nachdem Premier Haidar al-Abadi sein Amt im September angetreten hatte, empfing er eine Delegation der Spiker-Hinterbliebenen und versprach Aufklärung. Doch erst jetzt kann vor Ort recherchiert, können die Toten geborgen und begraben werden. Beobachter gehen davon aus, dass in den nächsten Wochen noch mehr Massengräber in und um Tikrit gefunden werden.

Das IS-Morden geht nun an anderer Stelle weiter. Am Mittwoch veröffentlichten die Dschihadisten ein neues Video, das die Enthauptung von vier Männern zeigt. In dem undatierten Film wird den Hingerichteten bewaffneter Raub und Mord vorgeworfen. Die Aufnahmen zeigen einen maskierten Islamisten, der vor einer Menschenmenge über Lautsprecher verliest, was den vier Männern vom sogenannten Islamischen Gerichtshof im Staat Ninive zur Last gelegt wird. Anschließend ist ein ebenfalls maskierter Henker zu sehen, der den Männern mit einem Schwert den Kopf abschlägt. Zuvor wird angeblich gestohlenes Geld den Besitzern ausgehändigt, die sich daraufhin per Daumenabdruck in einen Quittungsblock eintragen.

Nächste Station im Kampf gegen die Dschihadisten: Baiji

Unterdessen konnten irakische Regierungstruppen nicht nur Tikrit zurückerobern, sondern auch Teile der umliegenden Dörfer und Gemeinden. Das nächste Ziel der großen Militäroperation ist das nördlich gelegene Baiji, wo sich Iraks größte Raffinerie befindet. Zwar konnte die Industrieanlage schon vor geraumer Zeit wieder unter irakische Kontrolle gebracht werden, doch waren die Ölfelder zwischen Tikrit, Baiji und Kirkuk wochenlang heiß umkämpft.

Haupteinnahmequelle für den IS ist das Öl, das auf dem Schwarzmarkt zwar unter Wert verkauft wird, aber immer noch genug einbringt, um das Kalifat wirtschaftlich am Leben zu halten. Beim Rückzug aus Tikrit und großen Teilen der Provinz Salahaddin, dessen Hauptstadt Tikrit ist, setzten IS-Kämpfer mehr als ein Dutzend Ölquellen in Brand, die auch zwei Wochen nachher noch brennen. "Daesh" - arabisch für IS - "sprengte elf Ölquellen in Hamrin und weitere sieben im Ajil-Feld", informiert ein Mitarbeiter der staatlichen irakischen Ölgesellschaft (NOC) - "und alle brennen." Bevor die Terrormiliz die Ölfelder im Juni 2014 eroberte, wurden dort 25.000 Fass Öl und 150.000 Kubikmeter Gas täglich gefördert. Bis die Regierung die Förderanlagen repariert hat, werden Monate, wenn nicht Jahre vergehen.