"Wiener Zeitung": Ihr Buch geht häufig auf die islamischen Länder ein. Betrifft das Thema des Buchs auch die Muslime in Europa?
Seyran Ates:
Das Thema betrifft Muslime in der ganzen Welt. Es geht um eine sexuelle Revolution, wie sie Christentum und Judentum durch die 68er und die Frauenbewegung erlebt haben. Die heutige Gesellschaft ist unter anderem auf diesen Veränderungen aufgebaut.

Seyran Ates, Der Islam braucht eine sexuelle Revolution: Eine Streitschrift. (Ullstein Taschenbuch, 2011, 224 Seiten) - © Ulstein
Seyran Ates, Der Islam braucht eine sexuelle Revolution: Eine Streitschrift. (Ullstein Taschenbuch, 2011, 224 Seiten) - © Ulstein

Den Begriff "sexuelle Revolution" hat der Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897 bis 1957) geprägt. Zu ihm kamen Menschen, die nur geheiratet hatten, um Sexualität zu praktizieren. Das gibt es heute auch bei Muslimen, die sich schnell scheiden lassen.

Sie verstehen die "sexuelle Revolution" im Sinne Wilhelm Reichs?

Wie Reich geht es auch mir nicht nur um den Geschlechtsakt, sondern um ein selbstbestimmtes Leben. Die sexuelle Revolution ist eine politische Bewegung, die auch das betrifft, was Religion von Menschen verlangt. Wie Christen und Juden fragen sich heute Muslime: Was darf mir der Imam aufzwingen? Ist mein Leben mit meiner Religion vereinbar? Kann ich vorehelichen Geschlechtsverkehr haben oder Homosexualität praktizieren und dennoch gläubig sein? Das sollen die Muslime selbst entscheiden.

Außerehelicher Geschlechtsverkehr und gelebte Homosexualität sind auch in den anderen monotheistischen Religionen verboten.

Ich werde nicht müde, alle drei monotheistischen Religionen zu bemühen. Aber innerhalb der beiden anderen Religionen hat es eine progressive Bewegung gegeben. Die Menschen dort wollen ihre Religion zeitgemäß leben, ohne sich von ihr zu verabschieden.

Seit 1968 haben sich die Gebote der katholischen Kirche nicht verändert. Nur werden sie heute nicht mehr aufgezwungen. Ist das nicht eher eine gesellschaftliche als eine religiöse Frage?

Nicht nur. Es geht auch darum, was vom Islam bleibt, wenn bestimmte Vorschriften nicht mehr befolgt werden. Darf ich das Kopftuch weglegen und gemeinsam mit einem Mann in der Moschee beten? Die Orthodoxen verbieten das. Das ist ein innerislamischer Streit. Es geht also um beides: Religion und Gesellschaft. Ich bin dagegen, Kultur, Religion und Tradition auseinanderzuhalten. Alle drei sind voneinander beeinflusst. Und die Religionsgemeinschaft der Katholiken hat sich durchaus verändert.