Wien/Münster. Es sieht nicht gut aus für Barack Obamas Vision. "Eine Welt ohne Atomwaffen" hatte der US-Präsident im Jahr 2009 in Aussicht gestellt. Mit Russland hatte er noch 2010 einen Atom-Abrüstungsvertrag ausgehandelt. Doch der Optimismus von damals ist längst verflogen: Zwar gibt die Einigung mit dem Iran Hoffnung, dass wenigstens die Weiterverbreitung von Atomwaffen unterbunden werden kann. Doch die Nuklear-Arsenale der bestehenden Atom-Großmächte USA und Russland werden derzeit schleunigst modernisiert. 40 neue Interkontinentalraketen hat Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Streitkräften im Juni versprochen.

Der Konflikt in der Ostukraine hat den Konflikt zwischen Russland und dem Westen aus der Zeit des Kalten Krieges wieder voll ausbrechen lassen. Auch in der Nato spricht man immer weniger von Kleinwaffen, die bei Auslandseinsätzen gebraucht werden, und wieder von der Notwendigkeit, das eigene Nukleararsenal zu "modernisieren".

Die Zahl der Atomwaffen sinkt allerdings weiterhin - trotz des politischen Säbelrasselns zwischen Russland und den USA. "Immerhin kann man sich auf dieser Ebene noch verständigen", sagt der Sicherheitsexperte Lutz Unterseher von der Universität Münster der "Wiener Zeitung". Ihm bereitet vor allem die Asymmetrie zwischen Russland und den USA Sorgen. "Russland ist ein Land, das so gut wie nichts zu bieten hat - außer eben Atomwaffen", betont Unterseher. "Sein Status als Großmacht hängt vor allem am Atomarsenal. Russlands Industrie verfällt, Russlands Infrastruktur verfällt, Russlands Bildungswesen verfällt. Das Land ist fast vollständig von Rohstoffexporten abhängig. Sogar zu Sowjetzeiten war Russland wesentlich breiter aufgestellt. Die letzte Trumpfkarte, die dem Land bleibt, ist der Status als Atommacht." Während der Rivale USA immer noch als Zentrum der Weltwirtschaft gilt und zusätzlich Atomwaffen besitzt, "hat Russland Atomwaffen - und sonst nichts." Unterseher befürchtet, dass die "Kompensation durch Rüstung", die das Land betreibe, in ein gefährliches Szenario münden könnte.

Erst recht dann, wenn der Westen, namentlich die USA, eine mehr als ungeschickte Politik verfolgt. "Die Entscheidung von Ex-US-Präsident George W. Bush, einen Raketenschild in Osteuropa aufzubauen, war idiotisch", findet Unterseher. Auch Heinz Gärtner, Politologe an der Universität Wien, hält den Schild für unklug. "Die Beteuerungen der USA, dass sich die Raketen gegen Staaten wie Nordkorea oder den Iran richten, waren nie ganz glaubwürdig", sagt der Experte. Es sei plausibel, dass sich Moskau vor dem Schirm fürchte - zumal die USA 2002 aus dem ABM-Vertrag ausgestiegen sind. Der 1972 abgeschlossene Vertrag begrenzte die Raketenabwehrsysteme und stellte das sogenannte nukleare Gleichgewicht sicher: also die Fähigkeit der Gegenseite, nach einem massiven Erstschlag so zurückzuschlagen, dass sich ein solcher für den Angreifer nicht lohnt.

Im Moment wären die Raketen, die in Polen und Rumänien aufgestellt werden sollen, allerdings noch nicht in der Lage, russische Interkontinentalraketen abzufangen. Moskau befürchtet aber, dass das System, einmal installiert, von den USA jederzeit hochgerüstet werden könnte. Seit 2010 sieht Russland in seiner Militärdoktrin die Möglichkeit eines Präventivschlages vor. Der könnte sich laut russischen Militärs gegen Polen und Rumänien richten.