Ankara/Bagdad. Der Konflikt zwischen der türkischen Regierung und der linksgerichteten kurdischen Guerilla PKK droht außer Kontrolle zu geraten, die Meldungen über tote Soldaten, Polizisten, PKK-Rebellen und Zivilisten reißen nicht mehr ab. Am Dienstag entsandte die Regierung in Ankara Bodentruppen in den Nordirak. Zwei Bataillone einer Spezialeinheit hätten zwei Gruppen der Arbeiterpartei Kurdistans in dem gebirgigen Gebiet verfolgt, berichtete die türkische Nachrichtenagentur Dogan. Die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu sprach von bis zu 40 toten "Terroristen", wie PKK-Kämpfer bezeichnet werden.

Die jüngste Eskalation der Gewalt hatte am Sonntag begonnen: PKK-Anhänger verübten im südtürkischen Daglica in der Nähe der irakischen Grenze einen Bombenanschlag auf einen Militärkonvoi. Nach Militärangaben wurden 16 Soldaten getötet und sechs weitere verletzt. Die PKK erklärte, ihre Kämpfer hätten bei einem Angriff auf einen Militärkonvoi 15 Soldaten getötet. Es war der mit Abstand folgenschwerste PKK-Angriff seit Mai 1993, als 33 unbewaffnete Soldaten getötet worden waren.

Regierungschef Ahmet Davutoglu hatte am Montag gewarnt, die PKK werde nun "ausgelöscht" werden. Dessen ungeachtet wurden bei einem weiteren Anschlag am Dienstag mehrere Polizisten getötet. Laut türkischen Regierungskreisen kamen 14 Personen ums Leben. Der vermutlich von kurdischen Aufständischen gelegte Sprengsatz zerstörte einen Kleinbus, der die Beamten nach Dilucu in der osttürkischen Provinz Igdir bringen sollte.

Angriffe auf Kurden


Seit dem Ende der Waffenruhe zwischen der Regierung und der PKK Ende Juli liefern sich Sicherheitskräfte und PKK-Anhänger täglich Gefechte. Etwa tausend kurdische Rebellen und hundert Sicherheitskräfte wurden seitdem getötet. Immerhin ließ die PKK am Dienstag 20 Türken frei, die im August in den Nordirak verschleppt worden waren.

Doch auch die Spannungen zwischen den türkischen und kurdischen Bevölkerungsteilen nehmen täglich zu. In einem Vorort von Ankara griffen dutzende Nationalisten kurdische Saisonarbeiter an und setzten Autos in Brand, sieben Personen wurden verletzt. In der Mittelmeerstadt Mersin wurden mehrere Busse angegriffen, die in Kurdenregionen unterwegs waren. In Istanbul und anderen westtürkischen Städten leben viele Kurden.

Der Co-Chef der pro-kurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtas, versuchte die Lage zu beruhigen. "Kurden, Türken, rückt zusammen!", sagte er vor Journalisten. "Der Frieden ist die beste Medizin." Präsident Recep Tayyip Erdogan betonte hingegen am Dienstag, er werde "das Land nicht an die Terroristen ausliefern". Am 1. November wird in der Türkei ein neues Parlament gewählt, weil nach der Wahl am 7. Juni keine Regierungsbildung gelungen war. Erdogan will die absolute Mehrheit seiner AK-Partei zurückgewinnen und den Staat zu einem Präsidialsystem mit ihm an der Spitze umbauen. Dafür ist er auch bereit, den Friedensprozess mit den Kurden zu opfern.