"Wiener Zeitung": Sie wollen, dass das "chinesische Imperium", wie Sie es nennen, zerbricht. Ist das nicht eine Horrorvision? Würde so ein Kollaps nicht unweigerlich zu Bürgerkrieg und direkt in eine Katastrophe führen?

Liao Yiwu: Das ist gar keine Horrorvision. Dieses Imperium muss auseinanderbrechen. Das wäre auch nichts Ungewöhnliches, in den vergangenen 2000 Jahren war China manchmal vereint und manchmal nicht. Das heutige China, das ist roher, ungezügelter Kapitalismus gepaart mit einer hundertprozentigen Diktatur. Am Westen interessiert die Machthaber nur Kapital, was der Westen sonst noch zu bieten hätte, etwa Werte, etwa Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, etwa Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das interessiert niemand. Niemand im Land redet über Moral. Das ganze Gerede über Sozialismus oder Kommunismus - das ist doch eine einzige Lüge. Im Westen ist der Kapitalismus wenigstens von einem einigermaßen funktionierenden Rechtsstaat eingehegt, die freie Presse stellt manchmal, wenn auch nur da und dort die Systemfrage. Das alles gibt es in China nicht. China ist wohl auch ist zu groß, zu gigantisch. Wenn da anstatt des großen und mächtigen China ein Haufen kleinerer unabhängiger Länder wäre, dann wären die Probleme leichter lösbar.

Die Welt hat sich gut mit dem heutigen China arrangiert. Viele westliche Politiker sind froh über die Stabilität in China und viele westliche Unternehmer sind doch ganz zufrieden mit der Tatsache, dass es in China keine freien Gewerkschaften gibt und die chinesische KP für Ordnung sorgt.

Wenn die KP weiter so gut für Ordnung sorgt, wird China in 20 Jahren der größte Müllplatz der Welt sein, wo niemand mehr die Luft atmen kann. Wenn die Umwelt in China kollabiert, dann gibt es eine Flüchtlingswelle, gegen die die derzeitige aus Syrien oder Afrika gar nichts ist. China ist ja bereits heute das Land mit den meisten Emigranten. Jene, die Geld haben, wollen in den Westen, weil es dort Freiheit gibt, saubere Luft und Lebensqualität.

Vertreter Chinas kritisieren, der Westen habe einen eindimensionalen Begriff von Menschenrechten. 300 Millionen Menschen seien aus der Armut geholt worden, betonen sie und das müsse der Westen anerkennen.