Bürgerkriege wie der in Syrien erschüttern meist die gesamte regionale Ordnung. Millionen von Flüchtlingen setzten sich in Bewegung, die Terrorgruppe IS metastasierte zu einem Krebsgeschwür, das neben Syrien auch den Irak befallen hat, und die Bevölkerung in der Nachbarschaft des Krisenherds wurde radikalisiert.

Die syrische Opposition, deren ultimatives Ziel der Sturz des Baath-Regimes von Bashar al-Assad ist, erhält von Ländern wie der Türkei, Saudi-Arabien, Katar und den USA materielle und logistische Unterstützung. Die USA haben aber im Gegensatz zu ihren Verbündeten in der Region Skrupel, Organisationen wie Jabhat al-Nusra oder den Islamischen Staat (IS), der von den Arabern Daish genannt wird, zu unterstützen. Im Gegenteil: US-Kampfflugzeuge bombardieren Stellungen des IS, während die USA die Freie Syrische Armee (FSA), die ebenfalls gegen Assad kämpft, unterstützen. FSA-Stellungen werden wiederum von russischen Luftstreitkräften bombardiert. Kurzum: ein schreckliches Chaos.

All das spielt sich vor dem Hintergrund des Endes der in der Region alles andere als friedlichen Pax Americana ab, die USA fanden zur Islamischen Revolution im Jahr 1979 in der Region nur Verbündete vor (bis auf Hafez al-Assads Syrien, das mit der Sowjetunion verbündet war). Mit Ayatollah Ruhollah Khomeini als starken Mann im Iran sah sich Washington plötzlich einer antagonistischen Macht in der Region gegenüber, die die Supermacht und die arabische Welt herausforderte. Zwei Überfälle von Saddams Irak auf den Iran 1980 und Kuwait 1990, zwei US-Kriege gegen Saddams Irak 1991 und 2003, und Bürgerkriege im Irak und Syrien später, steht man nun in Wien am Beginn eines Versuchs, den Nahen Osten neu zu ordnen.

Dieser nimmt für die USA an Bedeutung ab, wie Steven Simon und Jonathan Stevenson in ihrem Essay "The End of Pax Americana" in der November-Ausgabe des einflussreichsten US-Außenpolitik-Fachmagazins "Foreign Affairs" argumentieren. Die USA werden Saudi-Arabien schon bald als wichtigste Öl-exportierende Nation überholen und nicht mehr länger auf Ölimporte aus dem Nahen Osten angewiesen sein. Das Atomabkommen mit dem Iran hat das Potenzial, die geopolitische Lage völlig zu verändern. Denn das Tauwetter zwischen Teheran und Washington zeigt bereits erste Resultate: Nur so ist es möglich geworden, dass der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif an der Wiener Syrien-Konferenz teilnehmen kann und damit der neben Russland wichtigste Verbündete des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad mit am Verhandlungstisch sitzt. Jene Diplomaten und Experten, die stets darauf gehofft haben, dass ein erfolgreicher Abschluss des Atomabkommens die Tür zu einem Grand Bargain, zu einem Deal mit dem Iran über die wichtigsten strittigen Fragen öffnen könnte, sehen ihre große Stunde gekommen. Ohne die Mitwirkung des Iran ist eine Friedenslösung für Syrien außer Reichweite, das wissen die Strategen in Washington. Präsident Barack Obama, der noch 2012 und 2013 Optionen wie eine Pufferzone, begrenzte Luftangriffe gegen Regime-Ziele oder eine Flugverbotszone erwogen hatte, wollte die Beziehungen zum Iran nicht aufs Spiel setzen, erst recht nicht, als der Iran den Einsatz erhöht hatte, indem Teheran Revolutionsgarden zur Unterstützung des Assad-Regimes nach Syrien geschickt hatte.

Moskau und Teheran sind aber ihrerseits zum Schluss gekommen, dass das von ihnen unterstützte Assad-Regime seine Herrschaft nie wieder über ganz Syrien wird ausdehnen können. Die Europäische Union, die unter der Flüchtlingswelle aus Syrien leidet, drängt ebenfalls auf eine Verhandlungslösung. Die Voraussetzungen sind also günstig, vor allem, wenn es gelingt, Vertreter des Regimes und der Opposition in die Gespräche einzubinden.

Aber wie immer bei derartigen Verhandlungen steckt der Teufel im Detail: Welche Rolle soll Assad in Syrien hinkünftig spielen? Wer soll einer Übergangsregierung angehören? Wie können die Dschihadisten von der Macht ferngehalten werden? Soll Syrien zerstückelt werden? Es ist noch ein weiter Weg.