Kobanê. Vergangene Woche erhielten die kurdischen Kämpfer und Kämpferinnen in Kobanê unerwartete Unterstützung: Ausbildner der US-Army kamen in die Stadt, um die Soldaten der Volksverteidigungseinheiten (YPG) und die Soldatinnen der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) zu unterstützen. Die Ausbildner aus den USA sollen nun hier die Kurden und ihre Verbündeten von der Freien Syrischen Armee (FSA) für den Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) vorbereiten. Damit verbünden sich die USA erneut mit jenen Kurden, deren Mutterpartei sowohl in der EU als auch in den USA als "terroristische Organisation" gilt. Das Nato-Mitglied Türkei hat noch vor Kurzem offen mit Luftschlägen auf der Seite des IS gegen die kurdischen Kämpfer und ihre Verbündeten von der FSA eingegriffen, als Letztere versuchten, die westlich von Kobanê gelegene Stadt Jarablus einzunehmen.

Von Kobanê ist die Frontlinie zum IS nur 50 Kilometer entfernt. Dort geht der Kampf gegen die Dschihadisten weiter, doch hinter der Front wird am Wiederaufbau jener Stadt gearbeitet, die vor einem Jahr vom IS verwüstet wurde. Nur wenige Gebäude hatten den Gefechten standgehalten, geschätzte 80 Prozent wurden zerstört. Auch die Infrastruktur war so gut wie ausgelöscht.

Eigener Lehrplan in Schulen


Seit Anfang Oktober gehen rund 5000 Kinder in Kobanê wieder zur Schule. 118 Schulen wurden seit der Rückeroberung des kurdischen Kantons im Norden Syriens wieder errichtet, von kleinen, einklassigen Dorfschulen bis zu mehrklassigen Volks- und Sekundarschulen in der Stadt. 264 Schulen sollen es am Ende werden, geht es nach den Plänen von Premierminister Enwer Muslim. Er führt die politischen Institutionen des Kantons seit dessen Ausrufung durch die Demokratische Unionspartei PYD im Jänner vergangenen Jahres.

Muslim und seine Regierungsmitglieder waren auch während der Belagerung Kobanês in der Stadt geblieben. Selbst als nur noch wenige Straßenzüge in der Hand kurdischer Kämpfer waren und bereits zwei Drittel der Stadt von den Dschihadisten des IS kontrolliert wurden, hatten sich die Regierungsmitglieder geweigert, aufzugeben. Heute gibt ihnen das die Glaubwürdigkeit, den Wiederaufbau der Stadt zu leiten.

Die Schulen, die der nächsten Generation eine Zukunft geben sollen, sind dabei eine zentrale Säule. Während in den anderen beiden kurdischen Kantonen bis heute nach dem Curriculum der syrischen Regierung auf Arabisch unterrichtet wird und Lehrer ihr Gehalt aus Damaskus beziehen, waren hier alle Schulen des Regimes zerstört worden. Mit dem Wiederaufbau in Eigenregie haben die Kurden nun die Möglichkeit, die Schulbildung selbst zu übernehmen. Im Gegensatz zu den Kantonen Efrin und Cizire werden Lehrende hier von kurdischen Behörden bezahlt, unterrichtet wird nach einem eigenen Curriculum: die ersten drei Jahre ausschließlich auf Kurdisch, danach auf Kurdisch, Arabisch und Englisch. Für die Tafelklassler sind bereits kurdische Schulbücher vorhanden, mit denen sie im Bedirxan-Alphabet alphabetisiert werden. Es ist auch in der Türkei gebräuchlich und basiert auf lateinischen Buchstaben.

Besuch aus Europa


Am 5. November war in einer der Schulen Kobanês ein besonderer Gast angesagt. Mit dem österreichischen SPÖ-Europaabgeordneten Josef Weidenholzer besuchte erstmals ein Mitglied des Europäischen Parlaments jene kurdische Stadt, die von Herbst 2014 bis Februar 2015 zum Symbol des Widerstands gegen den Islamischen Staat wurde. "Ihr habt hier nicht nur für Euch gekämpft, sondern letztlich für uns alle!", weiß der aus Oberösterreich stammende Vizefraktionsvorsitzende der S&D-Fraktion den Kampf in Kobanê zu würdigen. Nun hätte Europa die Verpflichtung, den Wiederaufbau der Stadt zu unterstützen.

Dabei geht es nicht nur um materielle, sondern auch um politische Unterstützung: Sowohl Premierminister Enwer Muslim als auch sein Außenminister Ibrahim Kurdo betonen, dass die Grenze zur Türkei immer noch eines der größten Probleme für den Wiederaufbau darstellt. Seit es den Kämpfern der kurdischen Verteidigungseinheiten YPG und YPJ im Juni gelang, Tal Abyad zu befreien und damit zugleich einen der wichtigsten Nachschubwege des IS aus der Türkei abzuschneiden, steht der Stadt zwar auch ein umständlicher Zufahrtsweg über den Irak zur Verfügung. Die Spannungen zwischen den unterschiedlichen Kurdenparteien führen allerdings immer wieder zu Unterbrechungen dieses Versorgungswegs. Ausschlaggebend dafür ist der Streit zwischen der in Syrisch-Kurdistan regierenden Demokratischen Unionspartei PYD - einer Schwesterpartei der türkisch-kurdischen Arbeiterpartei Kurdistans PKK - und der in Irakisch-Kurdistan regierenden Demokratischen Partei Kurdistans PDK.

Vom Gast aus Europa wünscht man sich hier folglich, Europa möge Druck auf die Türkei ausüben, damit diese die Grenze für Hilfslieferungen, Waren und Menschen öffnen möge. Dabei war es schon erstaunlich, dass Weidenholzer und seine Begleiter überhaupt die Genehmigung der Türkei erhielten, die Grenze in Richtung Kobanê zu überschreiten. In den Monaten vor den türkischen Parlamentswahlen war dies weder Journalisten noch Politikern gelungen. Auch bei Weidenholzer hatte schließlich die türkische Parlamentsabgeordnete Feleknas Uca mitgeholfen. Die in Deutschland aufgewachsene Abgeordnete der linken und prokurdischen Demokratischen Partei der Völker HDP wurde im Frühling erstmals in das türkische Parlament gewählt. Die ehemalige EU-Abgeordnete der Deutschen "Linken" war zudem die erste Jesidin, die es jemals ins türkische Parlament schaffte. Im November wurde sie trotz Bedrohungen im Wahlkampf wieder gewählt.