Auf Jobsuche in der Türkei

Irgendwann klopfte der IS an seine Tür. "Sie wollten, dass ich "Bai’a" ablege", sagt Maher. Er hätte also dem IS die Treue schwören sollen. "Das wollte ich nicht." Er entschloss sich zur Flucht. "Innerhalb des Islamischen Staates kannst du dich bewegen, wie du möchtest", sagt er. Also fuhr er mit dem Bus von Deir ez-Zor bis Raqqa. Und weiter nach Aleppo und über Azaz bis zur syrisch-türkischen Grenze bei Reyhanli. Zehn Stunden brauchte er für die Reise, erinnert er sich. Dann musste er einem Schmuggler hundert US-Dollar bezahlen, damit der ihn über die Grenze brachte. Die offiziellen Übergänge in die Türkei seien zu dieser Zeit geschlossen gewesen. "Inzwischen hält der IS die Menschen davon ab, sein Gebiet zu verlassen." Junge Leute wie er dürfen ohne Erlaubnis nicht gehen. Die Ausreise werde nur Schwerkranken erlaubt, die für eine ärztliche Behandlung ins Ausland müssen, und den Lkw-Fahrern, die Lebensmittel oder Öl transportieren.

Ob das Bombardement gegen den Islamischen Staat etwas bewirke? "Es tötet mehr Zivilisten, als IS-Kämpfer", sagt Maher. Dennoch glaubt er, dass der IS in absehbarer Zeit kollabieren wird. Zumindest im syrischen Teil. Die Führungsriege sei längst im Irak. Auch die Familien der Auslandskämpfer seien wegen den Luftschlägen aus Deir ez-Zor weggezogen. "Die sind nach Mossul gegangen." Für ausländische Kämpfer sei es jetzt schwieriger ,in den IS zu gelangen. Jarabulus, der einzige vom IS noch kontrollierte Grenzübergang, werde vom türkischen Geheimdienst überwacht.

"Es gibt jetzt viel Bewegung", sagt Maher und deutet mit seinem Finger auf die Syrienkarte, die aufgebreitet am Tisch liegt. "Bei Reyhanli überqueren sie die Grenze." Einzelpersonen seien es, oder kleine Gruppen von fünf oder sechs Leuten; IS-Kämpfer aus Saudi-Arabien, Tunesien, Marokko und Ägypten. "Sie wollen raus aus Syrien und zahlen den Schmugglern viel Geld, damit diese sie über die Grenze bringen."

Die Sonne steht tief, die Tische vor dem Kaffeehaus liegen jetzt im Schatten. Maher ist froh, Syrien verlassen und den Islamischen Staat hinter sich gelassen zu haben. Hier in Gaziantep sucht er nun Arbeit, um das Ende des Krieges abzuwarten. 450 Kilometer Straße liegen zwischen ihm und Deir ez-Zor. Solange der IS seine Heimatstadt beherrscht, ist der Weg dorthin zurück für ihn versperrt.