Aleppo. (rs) Im Osten der Stadt, wo die Narben des Bürgerkriegs beinahe an jeder Häuserfront zu finden sind, bereitet man sich schon auf das Schlimmste vor. Nachdem es der syrischen Armee mit Hilfe von russischen Jagdbombern in den vergangenen Tagen gelungen war, mehrere strategisch wichtige Dörfer am Stadtrand zurückzuerobern, ist es aus Sicht der Rebellen nur eine Frage der Zeit, bis die Truppen des Regimes zum vielleicht entscheidenden Schlag gegen Aleppo ausholen. "Es gibt Luftangriffe im Minutentakt", sagt der Rebellenkämpfer Bahaa al-Halabi dem britischen "Guardian".

Angesichts der erwarteten Offensive haben sich al-Halabis Einheit und die anderen Rebellentruppen im Osten der ehemals zwei Millionen Einwohner zählenden Stadt eingebunkert. Doch die Kräfteverhältnisse sprechen gegen jene Männer, die teils schon seit fünf Jahren gegen das Regime von Bashar al-Assad kämpfen. "Einheiten der Freien Syrischen Armee kommen aus Idlib und Hama nach Aleppo, um zu helfen", sagt al-Halabi. "Aber wir haben zu wenig Panzerabwehrlenkwaffen und auch der Nachschub funktioniert nicht mehr."

Ohne massive Unterstützung von außen dürfte sich die drohende Einkesselung Aleppos also kaum verhindern lassen. Die ganze Hoffnung der Oppositionstruppen liegt damit auf Ländern wie Saudi-Arabien, Bahrain oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, die zuletzt immer wieder den Einsatz von Bodentruppen in den Raum gestellt hatten. Erst am Montag hatte der saudische Außenminister Adel al-Jubeir bei einem Besuch in Washington erklärt, sein Land könne sich die Entsendung von Spezialeinheiten nach Syrien vorstellen.

Ein solcher Einsatz wäre trotz der prinzipiellen Bereitschaft aber wohl mit vielen Fragezeichen verbunden. Denn ebenso wie Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate dürfte es wohl auch Saudi-Arabien zur Bedingung machen, dass sich auch die USA an einer Bodenmission beteiligen. Doch derzeit zögert Präsident Barack Obama angesichts der Erfahrungen in Afghanistan und im Irak noch. Im vergangenen Jahr stimmte er lediglich der Entsendung von 50 Elitesoldaten nach Syrien zu.

Hinzu kommt, dass das sunnitische Saudi-Arabien zwar die syrische Opposition unterstützt, der Einsatz von Bodentruppen würde sich aber formal nur gegen den Islamischen Staat richten, gegen den schon jetzt unter US-Führung Luftangriffe geflogen werden. Ob Bodentruppen damit also jene Entlastung im Kampf gegen Assad bringen, die sich die Rebellen in Aleppo erhoffen, dürfte also zumindest kurzfristig fraglich sein.

Humanitäre Katastrophe

Aus Sicht der Vereinten Nationen droht bei einem weiteren Vorrücken der Regierungstruppen bei Aleppo jedenfalls eine humanitäre Katastrophe. Sollten die von den Rebellen gehaltenen Teile der Stadt von der Umgebung abgeschnitten werden, könnte die Nahrungsmittelversorgung für 300.000 noch in der Stadt ausharrende Menschen zusammenbrechen, warnte die UNO am Dienstag. Einwohnern der Stadt zufolge sind bereits jetzt die Vorräte an Reis, Mehl und Benzin knapp.

Ein weiteres Vorrücken der vom Iran und der libanesischen Hisbollah unterstützten Regimetruppen würde nach Einschätzung der UNO auch einen neuen Massenexodus auslösen. Von den derzeit noch in Aleppo Ausharrenden könnten sich bis zu 150.000 auf den Weg in Richtung Türkei machen. An der Grenze zum Nachbarn im Norden warten derzeit allerdings schon 30.000 bis 50.000 syrische Flüchtlinge unter teils katastrophalen Bedingungen auf Einlass. In den dort existierenden Lagern gibt es für Neuankömmlinge keinen einzigen freien Platz mehr. In und um die Grenzstadt Azaz schlafen ganze Familien auf der Straße oder zu je 20 Personen in Zelten, die eigentlich nur für sieben Personen vorgesehen sind.

In den vergangenen Tagen hatte die Türkei zwar immer wieder betont, die Gestrandeten nicht ihrem Schicksal überlassen zu wollen, die Grenzen wurden jedoch nur sehr sporadisch geöffnet und dann vor allem für Schwerverletzte. Und trotz eindringlicher UN-Appelle dürfte sich daran wohl auch nicht so rasch etwas ändern. So hatte die türkische Führung, die schon sein Monaten für eine Schutzzone im Norden Syriens wirbt, zuletzt immer wieder klargemacht, dass sie die syrischen Flüchtlinge am liebsten in Syrien versorgt sehen will.