Bühnenreife Aufführung: Ein Lula in Tränen. - © reu
Bühnenreife Aufführung: Ein Lula in Tränen. - © reu

Rio de Janeiro. An diesem Sonntag wollen die Brasilianer erneut auf die Straße gehen. So wie schon am vergangenen Wochenende, wo sich Millionen Menschen via WhatsApp zu Versammlungen in den Straßen von Rio de Janeiro, Brasilia oder Sao Paulo zu einem kollektiven Beifall verabredet hatten. "Massenapplaus" nannten die Erfinder diese etwas bizarre Aktion, um der Bundespolizei ihren Respekt und Rückhalt auszudrücken. Die Mehrheit des riesigen südamerikanischen Landes steht hinter den Ermittlungsbeamten, die in einer spektakulären Aktion den ehemaligen Präsidenten und Gründungsvater der regierenden linksgerichteten Partido dos Trabalhadores (PT), Lula da Silva, am Freitag von seinem Haus zum Verhör abgeholt hatten.

Opfermythos


Gespannt verfolgten seine Landsleute, wie sich Lula, der sich stets als Verbündeter des kleinen Mannes präsentierte, in diesem Moment präsentierte. Brasiliens Ermittler behaupten inzwischen, im Besitz von belastbaren Beweisen zu sein, die darlegen, dass Lula durch Korruption zu einem schwerreichen Mann geworden sei. Kurzum: Der populäre "Präsident der Arbeiter" habe sich von den großen Konzernen kaufen lassen. Besonders im Verdacht: der staatliche Ölkonzern Petrobras und Baukonzerne, die ohne Ausschreibungen Aufträge für milliardenschwere Infrastruktur-Investitionen im Vorfeld von WM 2014 und Olympia 2016 erhielten. Für die hatte sich Lula während seiner Präsidentschaft starkgemacht und wurde dafür laut Justizverdacht mit einem Landhaus und einer luxuriösen Strandwohnung belohnt.

Lula versucht unterdessen verzweifelt, die Stimmung im Land zu drehen, und stellt sich als Opfer einer politischen Verschwörung dar. "Die Medienshow wird mehr geschätzt als eine ernsthafte und verantwortungsvolle Untersuchung", sagte Lula, der bei seiner Verteidigungsrede im Fernsehen in Tränen ausbrach. Dann kündigte er bedeutungsschwanger an: "Sie haben in mir die Flamme entfacht, sodass der Kampf weitergeht." Beobachter werteten dies als Ankündigung, dass Lula die bereits fallengelassene Idee einer erneuten Präsidentschaftskandidatur in zwei Jahren ins Auge fasst.

Kronzeugen packen aus


Auch Präsidentin Dilma Rousseff überzeugt kaum mehr. Lulas Parteigenossin, die unter ebenso erbärmlichen Umfrage- wie Wirtschaftsprognosen leidet und ebenfalls im Visier der Untersuchungsbehörden steht, schleppt sich hilflos und ideenlos von Krise zu Krise. Immerhin stattete sie ihrem Vorgänger und Mentor einen Solidaritätsbesuch ab, der allerdings mehr ein parteiinterner Krisengipfel gewesen sein dürfte. Und Lula selbst? Ihm gehen angesichts der vorliegenden Überweisungsträger, Zeugenaussagen, Kontoauszügen und nachweisbaren Lügen so langsam die Argumente aus. Die Indizien sprechen gegen ihn. Die Schlinge zieht sich zu: Zwei Mitbeschuldigte, ein Bauunternehmer und ein enger Freund Lulas, die seit Herbst in Untersuchungshaft sitzen, erklärten sich nun bereit, für ein geringeres Strafmaß gegenüber der Justiz auszupacken - kein gutes Omen für Lula.

Deswegen setzt der charismatische Ex-Gewerkschaftler auf seinen einzigen, seinen letzten Trumpf: die Emotionen. In den sozialen Netzwerken ist zumindest die Basis der linksgerichteten Arbeiterpartei bereit, für ihre einstige Ikone zu kämpfen. Wohin das führt, war bereits in den letzten Tagen zu sehen: Kritiker und Anhänger lieferten sich wüste Schlägereien. Lula kritisierte, dass sein Verhör eine Missachtung der Demokratie und mangelnder Respekt vor einem einstigen Staatschef sei. Doch seine durch und durch korrupte Partei, sie sich skrupellos nachweislich Abermillionen Dollar aus dem Ölkonzern Petrobras einverleibte, ist längst das viel größere Übel für Brasiliens politische Kultur.

Die Frage, ob es genügend junge Kräfte in der Partei gibt, die bereit sind, über den schmerzhaften Weg der Opposition eine personelle oder inhaltliche Erneuerung anzustreben, oder ob die alten Führungsspitze versucht, sich selbst um den Preis von gewaltsamen Ausschreitungen zu retten, entscheidet über die unmittelbare Zukunft Brasiliens. Über die mittelfristige entscheiden ohnehin die Richter.