Sao Paulo. (rs) Dass Dilma Rousseff kämpfen kann, weiß ganz Brasilien. Als junge Frau war die heute 66-Jährige in linken Guerillagruppen aktiv, die den Sturz der verhassten Militärdiktatur zum Ziel hatten. 1970 wurde sie schließlich festgenommen, gefoltert und mehr als zwei Jahre lang inhaftiert. Im Jahre 2009 erkrankte die Tochter bulgarischer Einwanderer an Lymphdrüsenkrebs, noch während die Chemotherapie lief, trat sie aber schon wieder mit einer Perücke vor die Kameras.

Auch in den kommenden Tagen und Wochen wird wohl vieles vom Kampfgeist der ersten weiblichen Präsidentin Brasiliens abhängen. Denn die im Jahr 2014 nur äußerst knapp wiedergewählte Rousseff sieht sich mit dem größten politischen Aufbegehren seit dem Ende der Militärdiktatur vor mehr als drei Jahrzehnten konfrontiert. Allein am Sonntag gingen in der Hauptstadt Brasília und rund 400 anderen Städten mehr als drei Millionen Menschen auf die Straße, um ihrem Ärger über eine riesige Korruptionsaffäre und den wirtschaftlichen Abschwung Luft zu machen. Immer wieder stimmten die Demonstranten dabei "Dilma raus"-Rufe an. "Ich bin gekommen, weil ich es müde bin, so viel Korruption zu sehen und weil ich die Unordnung beenden will, die dieses Land beherrscht", sagte etwa die 61-jährige Rosilene Feitosa.

Korruption und Rezession


Erstmals seit dem Beginn der Proteste gegen Rousseff haben sich auch die Oppositionsparteien aktiv an den Demonstrationen beteiligt. Die konservativen Kräfte im Land erhoffen sich davon vor allem ein neues Momentum für das ins Stocken geratene Amtsenthebungsverfahren gegen Rousseff. Denn laut Umfragen sind zwar bereits 60 Prozent der Brasilianer für eine Absetzung der Staatschefin, im Parlament gibt es aber trotz des immer größer werdenden Drucks noch immer eine große Menge an noch widerstrebenden Abgeordneten.

In Bedrängnis hatten Rousseff zuletzt vor allem die Korruptionsermittlungen gegen ihren Vorgänger und Parteifreund Luiz Inácio Lula da Silva gebracht. Lula war in der vergangenen Woche im Zusammenhang mit der Schmiergeldaffäre um den Ölkonzern Petrobras verhört worden. Dabei ging es vor allem um eine Luxuswohnung in der Küstenstadt Guarujá, deren Besitz er den Behörden verschwiegen haben soll.

Die Opposition wirft Rousseff zudem vor, ihren Wahlkampf 2014 illegal mit Spenden von Zulieferern des Energiekonzerns Petrobras finanziert und den Haushalt 2014 sowie im ersten Halbjahr 2015 geschönt zu haben. Ein Gericht hatte den Etat bereits im vergangenen Oktober wegen zahlreicher Unregelmäßigkeiten für illegal erklärt.

Doch auch innerhalb der Arbeiterpartei wächst der Druck auf Rousseff, die kaum noch Reformen im Kongress durchsetzen kann. Vor allem der massive wirtschaftliche Einbruch von fast vier Prozent und die auf Ramschniveau abgewerteten Staatsanleihen lassen bei vielen Weggefährten die Nerven blank liegen.

Den größten Unsicherheitsfaktor für Rousseff stellt derzeit aber vielleicht die Partido do Movimento Democrático Brasileiro (PMDB) dar. Der wichtigste Koalitionspartner der Arbeiterpartei will in den nächsten 30 Tagen darüber entscheiden, ob die bisherige Regierungszusammenarbeit unter diesen Bedingungen überhaupt noch eine Fortsetzung finden kann.