Brasilia. Brasilien befindet sich nicht nur wirtschaftlich in der größten Krise seit dem Ende der Militärdiktatur vor 20 Jahren. Auch politisch war das südamerikanische Land selten so gespalten. Mit Massenprotesten versucht die Opposition seit Tagen, die mit Korruptionsvorwürfen rund um den staatlichen Ölkonzern Petrobras konfrontierte Linkspräsidentin Dilma Rousseff zum Rücktritt zu zwingen, ihre Anhänger versammeln sich zu Gegenaufmärschen; es kommt immer wieder zu Rangeleien, wie in Brasilia, wo die Polizei in der Nacht auf Freitag Tränengas einsetzen musste, um die beiden Lager auseinandertreiben.

Den Kampf verlieren werden, wie es aussieht, Rousseff und ihre Linkspartei PT. Gegen die Staatschefin ist am Donnerstag ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet worden. Mit Zwei-Drittel-Mehrheit ernannte der Kongress einen Sonderausschuss, der prüfen soll, ob die 68-Jährige im Vorjahr Haushaltsdaten zu ihren Gunsten frisiert und - im Gegenzug für lukrative Staatsaufträge - illegale Wahlkampfspenden angenommen hat. Sollten die Mitglieder eine Amtsenthebung empfehlen und der Kongress zustimmen, werden Rousseffs Amtsgeschäfte zunächst für sechs Monate suspendiert und die Justiz ist am Zug. Doch es ist fraglich, ob die Staatschefin die Krise bis dahin politisch durchhält. Zumal in viereinhalb Monaten in Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele beginnen, Chaos käme da besonders ungelegen.

Enttäuschte PT-Anhänger und Oppositionsaktivisten haben bereits angekündigt, so lange auf die Straßen zu gehen, bis die Sozialistin ihre Demission einreicht. Studenten wollen dazu vor dem Planalto, ihrem Amtssitz, ein Protestlager errichten. Für kommende Woche wurde zudem zu einem Generalstreik aufgerufen. Rousseffs Zustimmungswerte fielen zuletzt auf knapp zehn Prozent.

Sie wäre nicht das erste Staatsoberhaupt, das über eine Korruptionsaffäre stürzt. 1992 war ihr Vorvorgänger Collor de Mello wegen Veruntreuung von Staatsmitteln vom Kongress seines Amtes enthoben worden, auch damals war das Verfahren von Massenunruhen begleitet.

Was auf der Straße passiere, werde den Ausgang auch diesmal beeinflussen, ist Lucas de Aragão, ein Partner der PR-Beratungsfirma Arko, überzeugt. "Das Rückgrat des Ausschusses besteht aus sieben oder acht Parteien, die extrem unideologisch sind. Diese Burschen haben keine Scham, im Kongress je nach Bedarf die Seiten zu wechseln", sagt er.

Einer Umfrage zufolge begrüßen inzwischen 60 Prozent der Brasilianer das Amtsenthebungsverfahren. Was die Rousseff-Gegner derart in Rage bringt, seien weniger die Korruptionsvorwürfe gegen sie und ihre Gefolgsleute als vielmehr ihr Umgang damit, meinen Beobachter. Besonders übel nähmen ihr auch viele Ex-Anhänger, dass sie ihren Vorgänger Luiz Inacio Lula da Silva mit einem Ministerposten versorgen wollte, um ihm einen Korruptionsprozess vor einem normalen Gericht und eine Untersuchungshaft zu ersparen. Dem 70-jährigen Gründer der Partido dos Trabalhadores Lula droht wegen des Verdachts der Annahme von Bestechungsgeldern eine langjährige Haftstrafe. Als Minister kann nur das Oberste Gericht gegen ihn vorgehen - die meisten Richter dort wurden von Lula selbst ernannt, mit einer Anklage dürften sie es daher nicht eilig haben. Zunächst muss die Justiz nun aber entscheiden, ob die richterliche Verfügung gegen Lulas Nominierung hält oder nicht.