Wien. Politikverdrossenheit macht sich auch in den USA breit, und die Wähler folgen in Scharen Populisten wie dem republikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump. Dennoch glaubt die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright nicht, dass die USA Änderungen am politischen System brauchen. Das sagte sie am Montag in Wien in einem Interview.

"Unsere Verfassung funktioniert seit mehr als 200 Jahren. Das Interessante daran ist das Verhältnis zwischen dem Kongress und der Regierung. Unglücklich ist, dass es Leute gibt – die Tea-Party-Leute – die nach Washington kommen und einfach nichts tun.

Zu wenig Respekt

"Kompromiss ist kein schlechtes Wort", meint Albright. Sie kritisiert jene Politiker, die von vornherein nicht mit Präsident Barack Obama zusammenarbeiten wollten. "Die Leute müssen zusammenarbeiten. Das ist das Einzige, was nicht funktioniert hat. Am politischen System ist nichts falsch, es geht nur darum, wie die Leute einander respektieren."

Im Zusammenhang mit dem laufenden Präsidentschaftswahlkampf will die 78-jährige Ex-Außenministerin allerdings doch zwei Dinge geändert sehen: Zum einen kritisierte sie das Höchsturteil aus dem Jahr 2010, wonach Firmen unbeschränkt Geld aus ihren Töpfen für Werbekampagnen zur Unterstützung oder Bekämpfung von Kandidaten ausgeben dürfen. Das hat sogenannte Super-PACs ermöglicht.

Die Rolle des Geldes

Zum anderen sieht Albright, die 1997-2001 unter dem demokratischen Präsidenten Bill Clinton dem State Department vorstand, die Rolle der Medien in der Kampagnenzeit kritisch: So profitiere Trump davon, "dass die Presse ein Pferderennen aufrechterhalten will, und so bekommt er wahnsinnig viel Gratis-Werbung". "Es gibt Fragen zur Rolle der Medien und noch mehr zur Rolle des Geldes. Das ist das eigentliche Problem."

Albright unterstützt die Präsidentschaftsbewerbung von Ex-First-Lady und Ex-Außenministerin Hillary Clinton: "Niemand ist besser auf die Präsidentschaft vorbereitet." Zudem habe Clinton im Vorwahlkampf die meisten Wählerstimmen hinter sich gesammelt. Für Albright ist dies gerechtfertigt, denn "was wirklich interessant bei ihr ist, ist, dass sie beides kann: Innenpolitik und Außenpolitik. Sie hat die Fähigkeit, genauso die Gesundheitsversorgung oder Gewalt mit Schusswaffen zu beackern wie internationale Fragen."

Gegen Sanders

Vom unerwartet harten parteiinternen Wettlauf um die Präsidentschaftskandidatur bei den Demokraten zwischen Clinton und Bernie Sanders ist Albright "überrascht". Aber: "Wir haben ein lebhaftes politisches System, und es gibt immer Leute mit unterschiedlichen Ansichten, und die Leute erwarten sich einen Konkurrenzkampf." Dabei habe Sanders freilich im Gegensatz zu Clinton, die als Außenministerin "den Ruf der USA wiederhergestellt" habe, nur etwa die Forderung nach einem kostenlosen College-Studium anzubieten, und während seiner Jahre als Senator habe er nur "wenig zustande gebracht".

Über die Außenpolitik unter dem scheidenden Präsidenten Barack Obama urteilt Albright größtenteils positiv. So habe Obama seine Ziele, die Kriege in Afghanistan und dem Irak zu beenden, erreicht. "Von den Dingen, die die Vorgängerregierung gemacht hat, hat mich am meisten besorgt gemacht, dass die Bush-Administration die Demokratie militarisiert hat", erläuterte sie dazu.