Einige Politiker, darunter Außenminister Sebastian Kurz, sagen nun, dass man die Nachbarländer Syriens mehr unterstützen muss, damit sich die Menschen gar nicht erst auf den Weg machen. Merken Sie etwas von diesen Bekundungen?

Die Geberkonferenz in London, bei der für Syrien sechs Milliarden Dollar für heuer beschlossen wurden, war zwar vielversprechend. Bisher sind aber erst 19 Prozent davon eingelangt. Wir befürchten, dass die Versprechen nicht eingehalten werden. Wir hoffen, dass Aufnahmeländer wie der Libanon, der 1,2 Millionen Flüchtlinge bei einer Einwohnerzahl von vier Millionen aufgenommen hat, mehr unterstützt werden. Also ja: Wir stimmen mit Außenminister Kurz überein. Aber es muss ein Paket von Maßnahmen her: Arbeitserlaubnis für Flüchtlinge, Unterstützung für Aufnahmeländer und den UNHCR, Aufnahme von Flüchtlingen über legale Wege.

Welche legalen Wege zum Asyl sehen Sie für Flüchtlinge?

Viele syrische Studenten sitzen in den Nachbarländern und können nicht weiterstudieren - aus Geldmangel oder wegen Zugangsbeschränkungen. Studentenvisa wären nicht nur eine großartige Option für die betroffenen Studenten. Sie würden auch dazu beitragen, Syrien irgendwann wieder aufzubauen. Man investiert dabei in die Zukunft eines stabilen Syriens, in dem sich die Menschen mehr für den Wiederaufbau interessieren als für Rache. Zudem könnten Arbeitsvisa für bestimmte Bereiche ausgegeben werden, für die Bedarf besteht. Das wäre eine Win-win-Situation. Wir drängen auch dazu, den Familiennachzug zu erleichtern. Jeder, der bereits Familie im Land hat, ist eine geringere Belastung für den Staat, weil Familien Strukturen bieten.

Das hat Österreich mit der Reform des Asylgesetzes eben erschwert.

Das tut uns sehr leid. Ich habe eben ein Buch über eine Frau geschrieben, die aus Syrien floh. Wir haben es geschafft, sie nach Schweden zu bringen und ihre Familie aus Ägypten nachzuholen. Der Vater wird immer wieder ins Spital eingeliefert, er ist gestresst, weil er an seine Töchter denkt, die noch in Syrien sind. Flüchtlinge können oft nicht normal weiterleben, solange ihre Familien nicht in Sicherheit sind.

Zur Person

Melissa

Fleming

ist Sprecherin des UN-Flüchtlingshochkommissariats UNHCR. Die New Yorkerin studierte Deutsch und Journalismus in den USA und arbeitete für die OSZE in Wien, bis sie 2008 zum UNHCR wechselte. In Wien war sie auf Einladung des Kreisky Forums. UNHCR/Wendy Tiba