Orlando. Zwei Tage nach dem Massaker an Besuchern einer Schwulenbar in der US-Stadt Orlando macht ein seltsames Gerücht die Runde: Könnte der Attentäter Omar Mateen selbst schwul gewesen sein?

Laut Medienberichten war der 29-Jährige häufiger Besucher des Nachtclubs "Pulse", in dem er 49 Menschen erschoss und 53 teils schwer verletzte, bevor die Polizei ihn schließlich tötete. Ein Augenzeuge sagte dem "Orlando Sentinel", er habe Mateen mindestens ein Dutzend Mal in dem Club gesehen, andere behaupten, er habe eine Dating-App für Schwule benutzt. "Manchmal saß er in einer Ecke und trank alleine, manchmal war er so betrunken, dass er laut und streitlustig wurde", sagte ein Stammgast dem Blatt. Die anderen Gäste hätten nicht viel mit Mateen gesprochen, doch dieser habe das ein oder andere Mal von seinem Vater geredet. "Er sagte uns auch, dass er Frau und Kind hat." Ein anderer Clubbesucher will gar über die Dating-App mit Mateen in Kontakt getreten sein. Dieser habe ihm über ein Jahr lang immer wieder Nachrichten geschickt. Zu einem Treffen sei es nicht gekommen, doch er habe gesehen, wie Mateen den Club Samstagnacht gegen ein Uhr betreten habe - rund eine Stunde, bevor er seine Waffen holte und anfing zu schießen.

Es waren lebenslustige, junge Menschen, die bei der Wahnsinnstat ihr Leben ließen. Viele von ihnen waren Hispanics. - © ap/Facebook
Es waren lebenslustige, junge Menschen, die bei der Wahnsinnstat ihr Leben ließen. Viele von ihnen waren Hispanics. - © ap/Facebook

Auch die Ex-Frau des Attentäters Sitora Yusufi sagt, Mateen könnte schwul gewesen sein, seine Homosexualität aber aus Scham und Wut versteckt haben. Zwar habe er ihr gegenüber zugegeben, vor der Ehe Nachtclubs besucht zu haben, jedoch nicht erwähnt, dass es sich dabei um Schwulenbars gehandelt habe.

Während noch unklar ist, was genau Mateen zu der Bluttat bewogen hat und wie er radikalisiert wurde, ist eines sicher: Seine Waffen hatte der Attentäter legal erworben. Mateen hat die Waffen, mit denen er das Massaker angerichtet hat - eine halbautomatische 9-mm-Pistole und ein 223-Kaliber-Gewehr - wenige Tage zuvor völlig legal im St. Louis Shooting Center gekauft. Der Verkäufer Edward Henson kann sich "vage" an ihn erinnern: "Er kam rein, kaufte seine Waffen und ging wieder."

Mateen, der bei einer Sicherheitsfirma angestellt war, war US-Bürger, hatte keine Vorstrafen und sich zudem einem psychologischen Test unterzogen: Laut US-Waffengesetz durfte er so viele Waffen kaufen, wie er wollte.

Dabei war der Amerikaner mit afghanischen Wurzeln schon zwei Mal Gegenstand von Ermittlungen des FBI gewesen. Nachdem ein junger Amerikaner im Mai 2014 einen Selbstmordanschlag in Syrien verübt hatte, verhörten FBI-Agenten seine Freunde in Florida. Darunter war auch Mateen, der nicht nur dieselbe Moschee besucht hatte wie der Syrien-Attentäter, sondern auch auf der Watchlist des FBI stand, nachdem er aufwiegelnde Kommentare gegenüber Arbeitskollegen gemacht hatte. Laut FBI behauptete Mateen, Kontakte sowohl zur sunnitischen Al-Kaida als auch zur schiitischen Hisbollah zu haben - zwei miteinander verfeindete Islamistengruppen.

Schon ein Jahr zuvor hatte das FBI einen Undercover-Agenten auf Mateen angesetzt, ihn abgehört und seine persönlichen und finanziellen Daten durchleuchtet. Doch auch diesmal strich das FBI ihn wieder von der Liste - es gebe keine Beweise dafür, dass er gefährlich sei.

In den Tagen nach dem blutigsten Terrorakt in den USA seit 9/11 stellen sich alle eine Frage: War der Massenmord an den Clubbesuchern die Tat eines psychisch schwerkranken Mannes - oder haben religiöse und politische Ideen die entscheidende Rolle gespielt? Zwar hat der sogenannte "Islamische Staat", auf den Mateen sich bezog, das Attentat für sich beansprucht, doch das muss noch nicht heißen, dass der Amerikaner tatsächlich mit den Islamisten in Kontakt stand. Der IS hat seine Sympathisanten weltweit dazu aufgerufen, auf eigene Faust Attentate zu begehen.

Mächtige Waffenlobby

Mit dem opferreichsten Schussattentat in der modernen Geschichte der USA ist die Debatte über die Verschärfung der Waffengesetze wieder einmal voll entbrannt. Er sei frustriert, manchmal sogar wütend" über die Tatenlosigkeit des Kongresses, ließ Barack Obama unter dem Eindruck der Orlando-Tat über einen Sprecher ausrichten. Der Präsident kämpft seit Jahren für strengere Gesetze, scheiterte bisher aber am Widerstand der mächtigen US-Waffenlobby National Riffle Association (NRA) und ihren republikanischen Verbündeten im Kongress.

Mit einem feurigen Plädoyer für ein uneingeschränktes Recht auf Waffenbesitz hatte sich der Präsidentschaftskandidat Donald Trump erst im Mai jubelnde Unterstützung der mächtigen NRA im Wahlkampf gesichert. Nach dem Massaker in Orlando erklärte er, eine Verschärfung der Waffengesetze mache es Terroristen sogar noch leichter.

Schätzungen zufolge sind in den USA bis zu 310 Millionen Schusswaffen in Privatbesitz - statistisch gesehen haben damit nur neun Millionen Bürger keine in Besitz. Vor allem der Verkauf von halbautomatischen Sturmgewehren, wie sie nun der Schütze Mateen in Orlando benützte, soll nach Ansicht der Gegner der freizügigen Waffengesetze eingedämmt werden. 110 Millionen solcher "Halbautomaten" befinden sich in amerikanischen Haushalten, beliebt ist vor allem die AF-15, mit der die Firma Bushmaster Firearms ein Vermögen gemacht hat. "Ein Sturmgewehr ist eine Waffe, die für militärische Zwecke entwickelt wurde. Es gehört nicht auf die Straßen unserer Städte", hatte die damalige demokratische Senatorin Dianne Feinstein schon im Dezember 2012 erklärt, als ein Amokläufer in einer Schule in Connecticut 20 Kinder und 6 Lehrer mit einer AF-15 niedergestreckt hatte. Von 1994 bis 2004 war der Verkauf solcher Waffen in den USA bereits verboten - doch unter der Präsidentschaft von George W. Bush wurde das Verbot nicht verlängert. Hillary Clinton versprach, sich im Falle eines Wahlsieges um ein neues Verbot zu bemühen. NSA-Chef Chris W. Cox läuft dagegen Sturm: Dies sei ein Bruch der zweiten US-Verfassungszusatzes, in dem das Tragen von Waffen garantiert wird. Zudem würden Verbote Massenerschießungen nicht verhindern können, so Cox am Dienstag.

Tot gestellt, um zu überleben

Ein strengeres Gesetz könnte es für Attentäter aber um einiges schwieriger machen, überhaupt erst an Waffen zu kommen. Im vergangenen Jahr sind in den USA mehr als 13.000 Menschen durch Feuerwaffen gestorben, fast 27.000 wurden verletzt. Das Zustandekommen eines neuen, strengeren Waffengesetzes ist dennoch unwahrscheinlich. Für die Opfer des Massakers in Orlando käme es ohnehin zu spät.

Rund 300 junge Menschen hatten in jener Nacht gefeiert, als die Schüsse fielen. "Die Menschen schrien, bettelten um ihr Leben", schildert ein Zeuge, der überlebte, indem er sich tot stellte, der "New York Times". Ein Großteil der 49 Toten waren Hispanics, rund die Hälfte hatten puertoricanische Wurzeln.