Istanbul/Wien. (af) Warum ausgerechnet immer wieder Istanbul?, fragen sich viele Experten nach der jüngsten Terror-Selbstmordattacke vom Dienstagabend. Istanbul wurde (erneut) bewusst gewählt: Die türkische Metropole, die gleichzeitig eine Brückenfunktion zwischen der westlichen und der islamischen Welt innehat, eignet sich schon aufgrund der geostrategischen Lage ideal für die Terroristen.

Die sunnitische Terrormiliz "Islamische Staat" (IS), die für den Anschlag mit mindestens 43 Toten (darunter 19 und nicht wie ursprünglich angenommen 13 Ausländer) und 239 Verletzten verantwortlich gemacht wird, kündigte bereits weitere Gewalttaten an. Botschaften wie "das ist erst der Anfang" oder "ihr werdet euch noch wundern" kursieren im Internet. IS-Chef Abubakr al-Baghdadi musste in jüngster Zeit bei seinen Plänen, in Syrien und im Irak ein "Kalifat" zu errichten, herbe Rückschläge einstecken. Nicht zuletzt durch den Verlust von zehn Schlüsselstädten in Syrien und im Irak, darunter Falludscha, geriet der sunnitische Extremistenverband auch intern mehr und mehr unter Druck. So mussten andere Anschlagsziele in Europa herhalten, um, wie es die Terroristen selbst formulieren, "der Welt die Kraft und Macht des Islamischen Staates zu demonstrieren". Gleichzeitig werden in der türkischen Hauptstadt sehr viele Flüge in den Orient und nach Europa abgefertigt. Auch kleinere Destinationen im Irak werden hier angeflogen. Es ist zudem der wichtigste Knotenpunkt für arabischstämmige Passagiere. Nirgends sieht man so viele gestrandete Syrer auf einem Flughafen. Diese Vorzeichen nutzt die Terrormiliz. Abgesehen davon ist ihr die Verwestlichung der Türkei ein Dorn im Auge: Hierbei würden "Grundwerte des sunnitischen Islam zerstört".

Sorge vor neuen Anschlägen

Am Donnerstag war man am Flughafen bemüht, trotz der Sorge vor neuen Anschlägen wieder Normalität herzustellen. Das gelang aber nur bedingt. Der Flughafen glich einem Spiegelbild der Angst, auch wenn einige Sicherheitsleute gute Miene zum bösen Spiel machten. Mehrere Sondereinheiten waren im Einsatz und trugen Splitterschutzwesten. Zivilfahnder und Geheimdienstler mischten sich unter das reisende Volk. Dutzende Handwerker beeilten sich, die teilweise zerstörte Ankunftshalle zu reparieren, denn zahllose Einschusslöcher und kaputte, zugeklebte Glasscheiben erhöhen nicht unbedingt das subjektive Sicherheitsgefühl der Passagiere.

Abseits des Flughafens versuchte die Regierung laut verschiedenen Medienberichten mit 16 Razzien in einigen armen Stadtvierteln Istanbuls, darunter in Pendik, Basaksehir und Sultanbeyli, Stärke zu demonstrieren. 13 Menschen wurden festgenommen. In Izmir wurden zudem neun mutmaßliche Extremisten festgenommen, die Kontakte zu IS-Mitgliedern in Syrien gehabt haben sollen. Ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten den IS finanziell unterstützt, Mitglieder angeworben und logistische Unterstützung geleistet. Die allgemeine Botschaft an die Terroristen scheint zu lauten: "Wir lassen uns nicht unterkriegen und trotzen dem Terror."

Bei den Selbstmordattentätern soll es sich um einen Usbeken, einen Kirgisen und einen russischen Staatsbürger handeln. Das wurde am Donnerstag von einem türkischen Regierungsvertreter bestätigt. Die Nachrichtenagentur DHA berichtete, der Russe stamme aus der Teilrepublik Dagestan, die an Tschetschenien grenzt. In der Vergangenheit hatten sich zahlreiche Extremisten aus dem Kaukasus und aus Zentralasien dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan will seinen Kampf gegen die Terroristen jedenfalls eisern fortsetzen und erklärte, dass die Attentäter bereits einen "Platz in der Hölle reserviert hätten" und dementierte gleichzeitig Lücken und Mängel im türkischen Sicherheitsapparat. Er zog auch erneut eine deutliche Trennlinie zwischen dem Islam und dem IS. "Wahre Moslems würden solch eine Tat nie verüben", so das Credo.

Eines scheint fix: nach dem Anschlag denkt man europaweit über mehr Kontrollen auf Flughäfen nach. Schon jetzt geben allein die EU-Flughäfen vier Milliarden Euro für Sicherheitskontrollen aus. Finanziell würden neue Maßnahmen über die Flughafengebühren sowohl Passagiere als auch Airlines treffen. Und die Terroristen hätten ihren Achtungserfolg.