Washington D.C./Philadelphia. Um als Partei einen schlechten Eindruck zu machen, braucht es oft nicht viel. Im Fall der Demokratischen Partei Amerikas genügte zu Beginn des ersten Tags ihrer Convention eine kleine, aber laute und von Selbstgerechtigkeit und Wehleidigkeit zerfressene Fraktion, die nur Stunden zuvor ihr eigenes Idol zum Verräter erklärt hatte, um die Dinge entgleiten zu lassen.

Der Auftakt zur Democratic National Convention (DNC) 2016 in Philadelphia geriet zuerst weitaus holpriger als von den Organisatoren erhofft; und das nicht, weil die Ergebnisse diverser übers Wochenende erhobener Umfragen ergeben hatten, dass Donald Trump seit Ende des Parteitags der Republikaner in Cleveland jetzt offenbar mit Clinton gleichauf liegt. (Bundesweit, was im Prinzip egal ist, weil in den USA einzig die Resultate in den einzelnen Bundesstaaten zählen.) Das Ansinnen, dem Land ab sofort eine geeinte Front im Kampf gegen Trump zu präsentieren, drohte aber zunächst an den Delegierten zu scheitern, die Bernie Sanders mit nach Philadelphia gebracht hatte. Gleich die Eröffnungsrede der 63-jährigen Kongressabgeordneten Marcia Fudge aus Ohio, die den Convention-Vorsitz inne hatte, wurde mehrmals von eingefleischten Sanders-Fans unterbrochen, die bis heute nicht wahrhaben wollen, dass nicht der Senator von Vermont, sondern Hillary Clinton im Herbst am Wahlzettel stehen wird. Der Sinn dieser Aktionen, die sich quer durch den Abend zogen, offenbarte sich weder Außenstehenden noch den Parteigängern Clintons (die sich freilich nur in ihren Vorurteilen gegenüber Sanders' Anhängern bestätigt fühlen durften).

Nachdem selbst die bekannte Comedian Sarah Silverman, die während der Vorwahlen Sanders unterstützt hatte, Ziel der Attacken geworden war – als Reaktion nannte sie die "Bernie or Bust"-Leute "lächerlich" – und die Rede des (schwarzen) Senators Cory Booker aus New Jersey von "Black Lives Matter"-Sprechchören durchbrochen wurde, wurde zunehmend klarer, dass es wahrscheinlich nur der 74-Jährige selber schaffen würde, den rebellischsten Teil seiner Gefolgschaft in der Wells Fargo Arena zur Räson zu bringen. Um ihm entgegen zu kommen, wurde quasi in letzter Minute die Redner-Liste umgestellt. Michelle Obama würde nun nicht mehr, wie ursprünglich vorgesehen, nach, sondern vor Bernie Sanders sprechen – und vor Elizabeth Warren, der Senatorin aus Massachusetts, die bei seinen Wählerinnen und Wählern ob ihrer beständigen Kritik am Gebaren der unter "Wall Street" subsummierten Finanzwirtschaft des Landes hohe Glaubwürdigkeit genießt.

Den entscheidenden Anteil an der Rettung von Tag eins der DNC trug aber am Ende nur eine bei: Michelle Obama. Die Ehefrau des amtierenden Präsidenten hielt ein leidenschaftliches, aber so bestimmtes wie pointiertes Plädoyer für Hillary Clinton. Zeitweise schien es, als hätte jemand angesichts der angespannten Stimmung in der Halle bis zur letzten Sekunde an ihrem Manuskript gefeilt, um die Bernie-Lautsprecher ein für allemal in die Schranken zu weisen. Obama betonte Clintons Rolle im Jahr 2008, als diese, nachdem sie dem künftigen Präsidenten in den Vorwahlen unterlegen war, aktiv für diesen wahlkämpfte und zwar "ohne sich zu beschweren oder frustriert zu sein." Deutlicher hätte die Anspielung auf die offensichtliche pychische Verfassung der Bernie-Fans in Philadelphia nicht sein können.

Wer jetzt glaubte, dass sie diesen inhaltlich entgegen kommen würde, sich versöhnlich geben, der täuschte sich gewaltig: Bis zum Ende ihrer Rede nahm Michelle Obama auf Sanders original nullmal Bezug, weder auf ihn als Person noch auf seine Politik. Die Botschaft verfehlte ihre Wirkung nicht:

Ab diesem Zeitpunkt war klar, wer in der Wells Fargo Arena Herr und wer Gast im Haus ist. Auch wenn sich Elizabeth Warren im Anschluss noch vereinzelte "We trusted you"-Sprechchöre anhören musste – Sanders selbst hatte sich am Vormittag von hunderten der eigenen Anhänger "Verräter" nennen lassen müssen –, schien der Bann gebrochen. Sanders selbst grenzte sich in seiner Prime-Time-Rede von den Fundis unter seinen Anhängern ab, indem er einfach seine allseits bekannte Standardrede mit den üblichen Forderungen hielt (freier Zugang zu staatlichen Unis, Gratis-Gesundheitsversorgung, Reiche höher besteuern, Klima besser schützen), vor dem unter allen Umständen zu vermeidenden Desaster namens Donald Trump warnte und jedem dritten Satz ein "Hillary Clinton glaubt wie ich, dass..." voranstellte.

Ob das reichen wird, seine letzten paar rabiaten Fans in der Wells Fargo Arena zumindest so weit zu besänftigen, dass sie nicht wieder ihre Manieren vergessen? Spätestens Donnerstagabend, wenn Hillary Clinton die Nominierung ihrer Partei zum ersten weiblichen Präsidentschaftskandidaten der US-Geschichte annehmen wird, werden wir's erfahren.