Neu Delhi. "An dem Tag, an dem das Kriegsgesetz aufgehoben wird, werde ich Reis aus den Händen meiner Mutter essen", hatte Irom Sharmila vor 16 Jahren versprochen. Am Dienstag beendete Indiens berühmteste Menschenrechtsaktivistin den längsten Hungerstreik der Welt - ohne ihr Ziel erreicht zu haben. Doch dies schien nur ihre Anhänger und ihre Familie zu stören. Gestützt von Polizistinnen verließ die 44-Jährige das staatliche Krankenhaus in Imphal, im Bundesstaat Manipur, wo sie 16 Jahre lang inhaftiert war und zwangsernährt wurde. Der Schlauch der Magensonde, die von Sharmilas Nase in ihren Dünndarm führt und durch die jahrelang Nährstofflösungen in ihren Körper gepumpt wurden, wirkte fast riesig an ihrem zierlichen Körper, der durch Dauerfasten und Bettruhe geschwächt ist. Jahrelang war er das Symbol des politischen Kampfes der "Eisernen Lady von Manipur", wie Sharmila respektvoll genannt wird. Doch das ist nun Vergangenheit. Ende Juli hatte Sharmila überraschend angekündigt, sie wolle ihr Fasten aufgeben und für die Regionalwahlen in Manipur im Februar 2017 kandidieren.

"Ich habe 16 Jahre lang gefastet und nichts damit erreicht. Ich will nun einen anderen Weg der politischen Agitation versuchen - eine, in der ich gegen den Regierungschef des Bundesstaates antrete", sagte Sharmila in ihrer Gerichtsanhörung am Dienstag. Ihr Fasten hatte zuletzt nur noch wenig Aufmerksamkeit gefunden. Sharmila sah sich isoliert von Freunden und ihren Familienangehörigen, von denen sie viele 16 Jahre lang nicht gesehen hat. Ihre Mutter, Irom Sakhi, ist nicht glücklich über den Ausgang des Hungerprotestes ihrer Tochter. "Ich habe 16 Jahre lang gewartet. Jeden Tag habe ich gebetet, dass Sharmila in ihrer Mission erfolgreich ist", sagte die 84-Jährige indischen Medien. Der Entschluss Sharmilas, das Fasten aufzugeben, war überraschend für die Familie gekommen, die davon erst aus den Medien erfahren hatten. In den vergangenen Jahren war die Beziehung zwischen Sharmila und ihrer Familie angespannt, nachdem sich die Aktivistin mit Desmond Coutinho, einem in Goa geborenen Briten, verlobt hatte, mit dem sie seit 2009 Briefe wechselte und der um ihre Hand anhielt, noch bevor er sie 2011 bei einer Gerichtsanhörung zum ersten Mal persönlich traf. Dass Sharmila einen Außenseiter statt jemanden aus ihrem Bekanntenkreis in Manipur wählte, wurde ihr von ihrer Familie und ihren Unterstützern als Verrat angekreidet, die von Sharmila verlangten, ihren Hungerstreik weiterzuführen, um sie weiter als politisches Symbol zu nutzen, während Sharmila nach jahrelanger Haft ihrer Rolle müde geworden war und sich nach einem normalen Leben sehnte.

Sharmila hatte im November 2000 einen unbegrenzten Hungerstreik begonnen, nachdem in ihrer Heimat Manipur im Nordosten Indiens zehn Menschen an einer Bushaltestelle von paramilitärischen Kräften erschossen worden waren. Die Aktivistin fordert, dass das Kriegsrecht, das seit 1958 in dem Bundesstaat verhängt ist, aufgehoben wird. Als Vorbild für ihren Protest nennt sie Indiens Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi. Es war der weltweit längste Hungerstreik, mit dem Sharmila den indischen Behörden trotzte. Kurz nach Beginn ihres Hungerstreiks wurde Sharmila von der Polizei festgenommen und beschuldigt, Selbstmord begehen zu wollen, was nach indischen Recht strafbar ist.