Bangui. Georg Dörken hat nur Sekunden Zeit, um eine Entscheidung zu treffen, die über Leben und Tod entscheidet. Soll der Fahrer Gas geben? Soll er anhalten? Dörken ruft: "Stopp!" Die beiden Geländewagen der Welthungerhilfe kommen neben zwei blutüberströmten Männern zum Stehen. Der eine hat den anderen mit seinem Motorrad erfasst, als er über die Straße gehen wollte. Mittlerweile hat sich eine schreiende und weinende Menschenmenge um die beiden Schwerverletzten gebildet. Eine Notrufnummer gibt es in der Zentralafrikanischen Republik nicht, außerhalb der Hauptstadt Bangui nur wenige Krankenwagen. Dörken weiß das. Er ist seit knapp zwei Jahren Landesdirektor der Welthungerhilfe in der Zentralafrikanischen Republik. Vorsichtig lässt er die beiden stöhnenden Männer einladen. Dann gibt der Fahrer Gas.

"Wären wir vorbeigefahren, wären sie auf der Straße verblutet. Sterben sie auf dem Weg zum Krankenhaus in unseren Autos, machen die Angehörigen uns möglicherweise für ihren Tod verantwortlich. Das kann für meine Mitarbeiter und mich gefährlich werden. Aber ich kann sie doch nicht einfach liegenlassen", sagt Dörken. Eine halbe Stunde später erreichen die Welthungerhilfe-Autos ein Krankenhaus in Bangui. Die beiden Verletzten leben.

"Ich bin kein Adrenalinjunkie"


Georg Dörken ist es gewohnt, in gefährlichen Situationen schnell zu entscheiden. Seit 22 Jahren arbeitet er in Kriegs- und Krisengebieten Afrikas. "Ich bin kein Adrenalinjunkie, aber wer sich für die humanitäre Hilfe entscheidet, muss bereit sein, gewisse Risiken auf sich nehmen", sagt er. Dörken weiß, wovon er spricht. Er wurde schon von Kindersoldaten bedroht, von Rebellen beschossen und wäre beinahe auf eine Panzerabwehrmine gefahren. Mehrfach wurde das Büro der Welthungerhilfe in Bangui angegriffen, Kollegen von schwerbewaffneten Banditen überfallen, Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen sogar getötet.

Dörken hat gelernt, mit der Gefahr klarzukommen. Während des Genozids in Ruanda lebt er mit seiner Frau Barbara, seiner Tochter Djeneba und seinem Sohn Malik im Ostkongo. Um die Schreie der Sterbenden aus dem angrenzenden Ruanda nicht zu hören, müssen die Dörkens manchmal ihre Stereoanlage ganz aufdrehen. Im See treiben Leichen, Verwesungsgestank liegt in der Luft.