Bogota/Rio de Janeiro. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos und Guerilla-Chef "Timochenko" sind am Ziel: Nach fast vier Jahren harter Verhandlungen, gefährlichen Rückschlägen und viel Kritik aus allen Richtungen haben die kolumbianische Regierung und die älteste noch aktive Guerilla-Bewegung Lateinamerikas einen Schlussstrich unter einen der blutigsten und schmerzhaftesten Kriege der Region gezogen. Der Vertrag solle Ende September unterzeichnet werden, teilte die Regierung am Mittwoch mit. Das Ergebnis muss noch in einem Referendum im Oktober vom Volk angenommen werden.

Fast 250.000 Tote, dazu mehr als sechs Millionen Binnenflüchtlinge sind die Bilanz eines ideologischen Kampfes, der nur Verlierer kannte. Beide Seiten einigten sich auf eine Friedensvereinbarung, die nicht nur die Gewalt beenden, sondern auch erste Weichenstellungen für eine gerechtere Gesellschaft schaffen soll. Die Farc wird ihre Waffen niederlegen und sich als politische Partei engagieren. "Die Zeit der Guerilla ist vorbei", sagt der Sonderbeauftragte der deutschen Bundesregierung für den Friedensprozess in Kolumbien, Tom Koenigs, am Rande seines jüngstem Besuches in Bogota. "Nun müssen allerdings auch die Ursachen der groben sozialen Ungerechtigkeiten beseitig werden, damit dieser Frieden nachhaltig sein kann. Historisch ist die Zeit für Kolumbien in jedem Fall."

Volk wird befragt


Voraussetzung für die Umsetzung des Friedensprozesses ist allerdings, dass das kolumbianische Wahlvolk dem Abkommen noch zustimmt. Vor allem der immer noch einflussreiche Ex-Präsident und konservative Hardliner Alvaro Uribe kündigt Widerstand an. Ihm gehen die Sonderregelungen für Guerilla-Kämpfer zu weit. "Mit Straffreiheit erreicht man keinen Frieden", sagte Uribe zuletzt mit Blick auf die Vereinbarungen. Trotzdem deuten Umfragen daraufhin, dass eine Mehrheit der Kolumbianer den Friedensvertrag in ein paar Wochen akzeptieren wird. In den nächsten Tagen wird eine Debatte über die konkreten Inhalte der Friedensvereinbarung beginnen.

Besonders die Konfrontation der Opfer des bewaffneten Konfliktes mit den Tätern am Verhandlungstisch in der kubanischen Hauptstadt Havanna führte zu einem radikalen Umdenken bei den Kriegsparteien und könnte für künftige Konfliktlösungen Vorbildcharakter besitzen. Niemand aus den prominent besetzten Verhandlungsdelegationen konnte sich hinter verschlossenen Türen den Schilderungen der Opfer entziehen: "Es gab Tränen und Umarmungen", berichtete Farc-Opfer Angela Giraldo Cadavid im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" über die emotionalen Momente, als Täter und Opfer aufeinandertrafen. Ihr Bruder Francisco Javier, ein Kommunalpolitiker aus Cali, wurde vor 14 Jahren erst entführt und dann hingerichtet.

Dass Giraldo dabei den geistigen Urhebern des Mordes an ihrem Bruder die Hand gab, sorgte im Land für eine heftige Debatte. "Vergeben heißt nicht vergessen", sagt Giraldo. "Ich habe der Farc verziehen, aber ich erwarte, dass sie auch die Wahrheit über die Vorfälle sagt."

Ähnlich äußern sich auch die Opfer der Gewalt von rechten Paramilitärs und der regulären Armee. Sie verlangen von der Regierung Unterstützung bei der Aufklärung des Verschwindens von zehntausenden Opfern sowie des Skandals um die sogenannten "falsos positivos".

Dabei wurden unschuldige Zivilisten von Armeeangehörigen getötet und als Guerillaangehörige identifiziert, um Prämien zu kassieren. Bei den Getöteten handelte es sich meist um Angehörige bettelarmer Familien in den Slums der Großstädte oder in der Provinz ohne rechtlichen Beistand. Die katholische Kirche und die Nationale Universität in Bogota suchten stellvertretend 60 Opfer aus, die die ranghohen Guerilla-Kommandanten und die Militärs mit ihren Erlebnissen konfrontierten. Und sorgten so am Ende für einen Sieg des Gewissens, der auch für andere Konflikte bahnbrechend sein könnte.