Beirut/Wien. 96 Zelte, eingezwängt zwischen halbverfallenen Lagerhallen und Feldern. 576 Einwohner, die meisten aus der Umgebung von Aleppo, Raqqa, Homs. Hier, in der Bekaa-Ebene, drängt sich ein Flüchtlingslager an das nächste. Das 96-Zelte- und 576-Seelen-Camp heißt Moussa Taleb. Es ist eines von 2000 Lagern syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge im Libanon.

Aysha ist eine von diesen 576 Bewohnern von Moussa Taleb. Sie ist 24 Jahre alt und Mutter von drei Kindern. Ihr jüngstes Kind war erst einen Monat alt, als Aysha sich in den Libanon aufmachte, weil es in Syrien zu gefährlich für sie geworden war. Nun lebt sie mit ihren Kindern seit zehn Monaten in Moussa Taleb. Eine traurige Mattigkeit liegt über dem Zelt, in dem sie mit ihren Kindern lebt, es gibt kaum Hausrat, keine Möbel. Aysha hat sprichwörtlich nichts außer dem Zelt und ein paar Decken. Ihr Mann hat sich nach Beirut auf den Weg gemacht, um Arbeit zu finden, seither hat Aysha aber nichts mehr von ihm gehört. Geld hat er der Familie keines mehr geschickt, jemand hat Aysha zugemunkelt, dass er nun mit einer Frau aus Marokko leben würde. Aysha musste immer mehr Schulden aufnehmen, um mit den Kindern über die Runden zu kommen, insgesamt sind es bereits 3000 Dollar. "Am Anfang hatte ich noch Hoffnung, dass sich unsere Situation verbessert, wenn wir hierher kommen, aber im Moment will ich einfach nur überleben. Ich will, dass meine Kinder überleben", sagt sie.

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Hinter den am Horizont sichtbaren Bergen liegt Syrien, wo seit fünf Jahren ein grausamer Bürgerkrieg tobt, bei dem bereits 400.000 Menschen ihr Leben verloren haben. Das ist, als wären die Städte Graz und Salzburg ausgelöscht.

6,6 Millionen Menschen mussten ihr Zuhause verlassen und an einem anderen Ort in Syrien Zuflucht suchen. Das sind mehr Menschen, als in Finnland oder Dänemark leben. 4,8 Millionen Syrerinnen und Syrer - das entspricht der Bevölkerung Irlands - wurden durch den Bürgerkrieg gezwungen, Syrien zu verlassen. 2,7 Millionen flüchteten in die Türkei, 657.000 nach Jordanien. Und im Libanon, einem Land mit 6,2 Millionen Menschen, etwas größer als Kärnten, ein wenig kleiner als Tirol, leben heute 1,09 Millionen Menschen aus Syrien, die vor Kriegswirren und Gewalt geflüchtet sind. Die meisten von ihnen haben hier, in der Bekaa-Ebene, dem unmittelbaren Grenzgebiet zum Nachbarland Syrien, in Notunterkünften Schutz gefunden.

Die neunjährige Aisha: "Das Schönste, was ich am Tag mache, ist lernen. Das ist meine Lieblingsbeschäftigung." - © Thomas Seifert
Die neunjährige Aisha: "Das Schönste, was ich am Tag mache, ist lernen. Das ist meine Lieblingsbeschäftigung." - © Thomas Seifert

Die libanesische Regierung bemüht sich um Unterricht für die Flüchtlingskinder und ärztliche Betreuung für die Kranken - aber es fehlt an allem. Trotz der Hilfe des UN-Flüchtlingshochkommissariats und Hilfsorganisationen wie der Caritas ist der Libanon völlig überfordert mit dieser riesigen Zahl an Flüchtlingen.

Die größte Tragödie ist aber die Situation der in den Lagern lebenden Kinder. Jeder zweite Flüchtling im Libanon ist ein Kind und zwei Drittel aller syrischen Flüchtlingskinder können keine Schule besuchen.

Stefan Maier von der Caritas: "Es droht die Gefahr einer verlorenen Generation von Kindern, die hier aufwächst. Eine verlorene Generation, der von klein auf alle Zukunfts- chancen genommen werden."
Stefan Maier von der Caritas: "Es droht die Gefahr einer verlorenen Generation von Kindern, die hier aufwächst. Eine verlorene Generation, der von klein auf alle Zukunfts- chancen genommen werden."

"Viele von ihnen leiden unter den Kriegserinnerungen, ohne Bildung sieht die Zukunft für sie, die ihr Land eines Tages wiederaufbauen sollen, sehr düster aus. Es droht die Gefahr einer verlorenen Generation von Kindern, die hier aufwächst. Eine verlorene Generation, der von klein auf alle Zukunftschancen genommen werden", sagt Stefan Maier, der österreichische Nahost-Koordinator der Hilfsorganisation Caritas.

Die neunjährige Aisha kommt aus der Nähe der heftig umkämpften syrischen Großstadt Aleppo und lebt bereits seit drei Jahren mit ihren neun Geschwistern und beiden Eltern im Lager Moussa Taleb. Wie hat sie den Krieg erlebt? "Wir konnten nicht rausgehen zum Spielen. Das war nicht möglich, weil vielleicht gibt es Luftwaffenangriffe und Flugzeugangriffe. Darum kann man nicht draußen spielen gehen." Und jetzt, hier im Libanon? "Das Schönste, was ich am Tag mache, ist lernen. Das ist meine Lieblingsbeschäftigung."

Der Traum von Kartoffeln
und einem Fahrrad

Aysha ist eine von 576 Bewohnern des Lagers Moussa Taleb. Die 24-Jährigeist Mutter von drei Kindern. Sie lebt mit ihren Kindern seit zehn Monaten im Camp Moussa Taleb in der libanesischen Bekaa-Ebene (Bild ganzrechts). Der Schuldenberg von 3000 Dollar, den sie seither angehäuft hat, macht ihr große Sorgen.
Aysha ist eine von 576 Bewohnern des Lagers Moussa Taleb. Die 24-Jährigeist Mutter von drei Kindern. Sie lebt mit ihren Kindern seit zehn Monaten im Camp Moussa Taleb in der libanesischen Bekaa-Ebene (Bild ganzrechts). Der Schuldenberg von 3000 Dollar, den sie seither angehäuft hat, macht ihr große Sorgen.

Der 10-jährige Abdallah ist direkt von Aleppo in den Libanon gekommen. Manchmal kommt ein Bus in das Lager, um Abdallah und andere Kinder in die Schule zu fahren. Das geschieht allerdings nicht regelmäßig. Aber wenn es Abdallah in die Schule schafft, sitzt er gemeinsam mit 50 anderen syrischen Kindern aus unterschiedlichen Flüchtlingslagern in einer Klasse. Abdallah möchte sehr gerne Englisch lernen. "Meine Zukunft stelle ich mir in Syrien vor, aber wenn ich träume, dann träume ich von Syrien und vom Krieg dort", sagt er.

Aiya mit ihrer Caritas- Betreuerin in der Unterkunft im 14. Bezirk in Wien: Am wichtigsten sei jetzt einmal, gut Deutsch zu lernen, sagt Aiya.
Aiya mit ihrer Caritas- Betreuerin in der Unterkunft im 14. Bezirk in Wien: Am wichtigsten sei jetzt einmal, gut Deutsch zu lernen, sagt Aiya.

Wir konnten in Syrien nicht mehr leben, deswegen sind wir hierher gezogen in den Libanon. Auf die Frage: "Was würdest Du Dir kaufen, wenn Du Geld hättest?" antwortet der kleine Abdallah: "Dann würde ich mir Kartoffeln kaufen, wenn ich Geld hätte." "Nur Kartoffeln?" "O.k., Kartoffeln und ein Fahrrad."

Der 17-jährige Adib verbrachte eineinhalb Jahre in der Türkei, bevor er als unbegleiteter Minderjähriger nach Wien geflüchtet ist, wo er nun seit 13 Monaten lebt. Seine zwei jüngeren Geschwister sind in der Türkei geblieben, er hat als ältester Sohn die gefährliche Reise alleine angetreten. "Wir haben viele gute Dinge über Österreich gehört, deshalb habe ich mich dafür entschieden, hierherzukommen", sagt Adib.