Er sitzt im Gras der Jesuitenwiese im Wiener Prater, unweit von Magdas Hotel, einem von der Wiener Caritas betriebenen Hotelprojekt, in dem auch die Flüchtlings-WG untergebracht ist, von der Adib einer der Mitbewohner ist. Die Sonne steht schon tief, es ist Abend. Sanftes Licht, satte Farben, Vogelgezwitscher, die perfekte Idylle. Eine Idylle, die im krassen Kontrast zur Erzählung von Adibs Flucht steht, wie er von Syrien in die Türkei geflüchtet ist. Wie es dann auf einem kleinen, sieben Meter langen Boot mit insgesamt wohl rund 35 Flüchtlingen an Bord Richtung Griechenland weitergegangen ist. Wie sie nach rund zwei Stunden von der griechischen Polizei aufgegriffen und auf eine Insel gebracht wurden. Und wie es dann von dort mit einer Fähre nach Athen weiterging, wo Adib nach zwei Wochen die Weiterreise nach Österreich organisiert hat. In einem "großen Wagen" sei er in Wien angekommen, hat sich auf den Weg zum Praterstern gemacht und von dort weiter nach Traiskirchen.

Er sei von Anfang an motiviert gewesen, Deutsch zu lernen, sagt Adib. "Der Grund, warum ich hergekommen bin, ist, damit ich eine gute Zukunft habe. Also muss ich die Sprache lernen, denn ohne die Sprache zu können, kannst du nichts machen, kannst keine Arbeit annehmen, nicht in die Schule gehen, kannst dich mit niemandem unterhalten." Also hat Adib begonnen, mithilfe von Software auf seinem Handy und YouTube-Videos Deutsch zu lernen. Nach vier Monaten konnte Adib einen Deutsch-Kurs besuchen, nach sechs Monaten hatte er einen Schulplatz.

"In der Türkei konnte ich ein Jahr und fünf Monate nicht in die Schule gehen, hier in Wien hatte ich nach sechs Monaten einen Schulplatz", sagt Adib. Er ist zufrieden in Wien. Doch wie alle Menschen, sagt Adib, hat er einen Traum. "Ich möchte, dass meine Familie hierherkommen und in Zufriedenheit leben kann und eine gute Zukunft hat. Und ich träume davon, dass meine Kinder, die ich eines Tages haben werde, gut und nicht so wie ich in Syrien gelebt habe, leben werden", sagt Adib.

Fluchtpunkt Wien: Aiyas Reise ins gelobte Land Österreich


Aiya ist 14 Jahre alt, lebt seit sechs Monaten in Österreich und ist über den Umweg Ägypten - wo sie vier Jahre mit ihrer Familie gelebt hat - nach Österreich gekommen. Sie ist mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Muhamed in einer Caritas-Unterkunft in Wien-Penzing untergebracht und hat einen Schulplatz in einer Waldorfschule bekommen. Aiya spricht schon ganz gut Deutsch, den größten Teil der Unterhaltung führt sie schon auf Deutsch, nur manchmal braucht sie die Hilfe der Übersetzerin, um sich verständlich zu machen. Die Familie hat gleich zu Beginn des Bürgerkriegs die Flucht ergriffen: Eine Rakete ist in einem Haus gegenüber eingeschlagen, der Schmuckladen des Vaters wurde geplündert - da hielt die Familie nichts mehr in der syrischen Hauptstadt.

Obwohl die Erinnerung an Damaskus mehr und mehr verblasst, so sagt Aiya, dass sie die Stadt vermisst, "den Staub", sagt sie und lacht, "und auch das Essen - obwohl mir das Essen hier in Wien sehr gut schmeckt". Ihr Vater wohnt in einer separaten Unterkunft im 20. Bezirk. Aiya genießt die Momente, in denen sie Wien erkunden kann, den Prater, die Donau, den "türkischen Markt" in Ottakring und im 20. Bezirk. "Meine Verwandten in Damaskus trauen sich an manchen Tagen nicht auf die Straße, so gefährlich ist es", erzählt Aiya. "Damaskus, das war das Paradies auf Erden, jetzt bleibt davon nichts mehr übrig, jetzt ist alles zerstört", sagt sie. Wunderbar sei es, dass Wien so sicher sei, die Menschen seien überaus nett.

Die Syrer, die hierherkommen, meint Aiya, sollten so rasch wie möglich die deutsche Sprache lernen und die Österreicher, die so viel geholfen haben, respektieren. Ihre Schule sei großartig, dort lernt sie nicht nur Deutsch und Englisch, sondern sogar Russisch. "Schwierig ist, dass die Wohnungen so teuer sind, es ist sehr schwer für meine Eltern, ein Dach über dem Kopf für uns zu finden", sagt sie. Aber immerhin, soweit sie gehört hat, sitzt keiner der Syrer auf der Straße, alle würden "irgendwo" wohnen, "im schlimmsten Fall in einem Camp".

"Was ist Dein Traum, wenn Du erwachsen bist?", fragt die Übersetzerin. "Ich möchte Ärztin werden, Unfallärztin. Ich möchte Menschen helfen. Oder Innenarchitektin. Ich male gerne, ich mag gern schöne Sachen", sagt Aiya. "Und wenn du dein Zimmer selbst gestalten könntest, was würdest du anders machen?" - "Die Wände in schönen Farben anmalen, ein paar Möbelstücke durch andere ersetzen", sagt sie. In der Ecke, das fällt erst jetzt auf, steht ein frischer Blumenstrauß. Als Aiya bemerkt, dass die Blumen Aufmerksamkeit erregen, erzählt sie, dass sie immer frische Blumen ins Zimmer bringt.

Ob Aiya denn eine Botschaft an österreichische Kinder und Jugendliche hat? "Wenn es eines Tages einen Krieg gibt, dann wartet man nicht zu lange ab, sondern flüchtet gleich, um die die eigene Zukunft zu retten."

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